Gefährtin der Toten
1309
post-template-default,single,single-post,postid-1309,single-format-standard,bridge-core-2.4.2,cookies-not-set,ajax_fade,page_not_loaded,,qode_popup_menu_push_text_top,qode-content-sidebar-responsive,qode-theme-ver-24.2,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-6.4.2,vc_responsive
 

Gefährtin der Toten

Die Frankfurterin Elisabeth Simon gibt Toten ohne Angehörige das letzte Geleit. Eine Würdigung von Vergessenen.

Das Porträt von Elisabeth Simon ist im März 2020 in der Ausgabe Nr. 12 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Elisabeth hat sich sofort auf den Aufruf im Pfarrbrief gemeldet. Die Katholische Stadtkirche in Frankfurt suchte vor zwei Jahren Freiwillige, die an Beerdigungen von Menschen ohne Angehörige teilnehmen. Es sind Tote, um die niemand trauert.

Eigentlich ist Elisabeth eine heitere und zupackende Frau. Doch wenn die Rentnerin über ihre Toten spricht, wird die Stimme leiser und sie wählt ihre Worte ganz behutsam. Es ist, als ob sie versuche, zumindest ein wenig der Würde dieser Menschen wiederherzustellen, die die Einsamkeit, das große Nichts, verschluckt zu haben scheint. „Beim ersten Mal wars schon beklemmend“, sagt die 67-Jährige ernst. Man wisse zwar, wie eine Beerdigung ablaufe, aber als einziger Trauergast vor der Urne eines Obdachlosen zu stehen, sei traurig gewesen.

Inzwischen kennt Elisabeth das Prozedere recht gut. Denn schon sechs Mal hat sie auf diese Weise einen unbekannten Toten verabschiedet. In Deutschland ist das Ordnungsamt dafür zuständig, nach Angehörigen zu suchen, erzählt sie. Erst wenn sich abzeichnet, dass es niemanden gibt, ruft man sie an.

Vor der Trauerhalle beginnt dann ihr „letzter Dienst“: An der schweren Eisentür trifft sie sich mit dem Geistlichen – den ein oder anderen kennt sie inzwischen. Der Pfarrer sagt einige Worte über den Verstorbenen, falls das Amt etwas herausfinden konnte. Das Minimum der Würdigung beinhaltet: den Namen, den Geburtstag, den Todestag. Dann ziehen sie los. Der Friedhofsmitarbeiter geht mit der Asche voran, dahinter der Geistliche und zuletzt Elisabeth. Ein kurzer Trauerzug aus drei Fremden mit einer Urne. „Es wird nicht geredet, das fände ich unmöglich“, sagt die Rentnerin entschieden. Denn sie möchte den Abschied für den Toten „richtig schön“ gestalten. Deshalb bringt sie auch immer eine Rose aus ihrem Garten mit.

Sie gehen zu dem entlegenen Feld der sogenannten „Urnenrasenreihengräber“ und das dauert weit länger als das Begräbnis selbst. Hier auf dem Hauptfriedhof sind es malerische Wege: durch stattliche Lindenalleen und vorbei an alter Steinmetzkunst sowie bedeutsamen Gräbern, wie dem von Ricarda Huch oder Theodor Adorno. Elisabeth kommt gerne hierher. Sie findet die Stimmung so friedlich. Hier und da huschen Eichhörnchen zwischen den Denkmälern herum – sie wissen nichts vom Thema Menschenwürde. 

„Dann sage ich Amen
und schon ist Ende
.

Am Rasenfeld angekommen, segnet der Pfarrer die Urne und betet. „Natürlich werfe ich dann auch ein Schäufelchen Erde in das Grab, das gehört einfach dazu“, sagt Elisabeth. „Wir beten zu zweit das Vaterunser, dann sage ich Amen und schon ist Ende.“ Die eigentliche Beerdigung dauert ein paar Minuten. Klingt nach wenig, aber ist es nicht so viel mehr als nichts? Nur: Wie will man Würde messen – in Gramm oder Sekunden vielleicht? Und was hat ein Toter eigentlich davon, dass ihn jemand begleitet? Ist Gott wohl froh, weil sein Geschöpf persönlich verabschiedet wurde? Elisabeth lässt diese Fragen offen. Es liegt ihr fern, ihren „kleinen Dienst“ mit diesen gewaltigen Ideen in Verbindung zu bringen. Sie ist zu bescheiden und wohl auch zu pragmatisch, um sich in philosophischen Gedanken zu verlieren. Höflich, aber entschieden, sagt sie: „Ich finde es einfach nicht in Ordnung, wenn jemand auf dem letzten Weg allein ist.“ Ganz klar sagt sie es, und aus vollem Herzen. 

Eine letzte persönliche Frage wäre da noch: Wie stellt sie sicher, dass ihre eigene Beerdigung „richtig schön“ wird? Hat sie Vorkehrungen getroffen? Ihre Miene hellt sich auf und sie winkt lächelnd ab. „Nein, das ist zum Glück nicht nötig“, sagt sie. „Mein Sohn kennt mich gut, der macht das schon.“

ILONA BOESELAGER, 42, ist Beraterin in Frankfurt. Sie liebt Osteuropa und das Thema Persönlichkeitsentwicklung.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.