Melchior Magazin | My Daddy‘s 
Name is Donor
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My Daddy‘s 
Name is Donor

Alana Newman ist ein Spenderkind, ihr Vater ein anonymer Samenspender. Getrieben von ihrer eigenen Suche nach Identität, der Sehnsucht nach ihrem leiblichen Vater und vielen Fragen zur Reproduktionsindustrie hat sie mit 23 Jahren eine Plattform gegründet, auf der anonym Erfahrungen mit assistierter Reproduktion ausgestauscht werden können. Sieben Jahre später, hat sie ein Buch mit den besten Geschichten herausgegeben, spricht und schreibt weiterhin für verschiedene Blogs und: Sie hat gerade ihren Vater gefunden. 

Alana, du sprichst jetzt schon seit einigen Jahren über deine Erfahrung als Spenderkind und die Probleme, die du damit hattest. Wie reagieren die Leute darauf?

Alana Newman Ganz unterschiedlich. Ich glaube, viele Menschen reden nicht gerne über Samen- und Eizellenspende, weil das schwierige Themen sind. Manche sind vielleicht meiner Meinung, sprechen das aber nicht aus, weil sie jemanden kennen, der eine Samenspende in Anspruch genommen hat. Sie wollen die Beziehung zu dieser Person nicht riskieren. Einige verstehen mich auch falsch, wenn ich sage, dass Samen- und Eizellenspende nicht richtig sind und glauben, dass ich damit meine, dass Spenderkinder nie hätten existieren sollen. Das ist eigentlich das Erste was mir viele sagen: „Ich verstehe schon, dass du gerne deinen Vater kennen würdest, aber würdest du lieber gar nicht existieren?“

Und was antwortest du denen?

Es ist nicht meine Existenz, die hier das Problem ist, sondern die Auslöschung meines Vaters.

Und dann…

Schnauben sie! (Alana lacht)

Wusstest du immer schon, auch als Kind, dass dein Vater ein anonymer Samenspender ist?

Ja. Als Kind akzeptiert man alles, was die Eltern einem beibringen, als normal. Viele Eltern von Spenderkindern sagen, solange man es den Kindern sagt, wenn sie noch jung sind, geht es ihnen gut damit. Aber meiner Meinung nach wird das Kind trotzdem tiefgründige Probleme haben, weil man ihm im Grunde gesagt hat, dass es normal ist, sich seines Vaters oder seiner Mutter zu entledigen.

Und wann hast du begonnen, dir Gedanken über deinen leiblichen Vater zu machen?

Als ich noch zuhause wohnte, habe ich diese Gedanken gar nicht zugelasssen. Manchmal dachte ich an ihn und wir haben über ihn geredet, aber erst später, als ich ungefähr 19 war, wollte ich wirklich etwas wissen. Aber es schien schier unmöglich, etwas herauszufinden. Ich wussste ja nur die Haarfarbe, die Augenfarbe und dass er einen Universitätsabschluss besitzt. Dann als die DNS Tests aufkamen, schien es erstmals eine reale Chance zu geben. Da hörte man auch von anderen Spenderkindern, die ihre Väter gefunden haben und ich dachte mir, vielleicht, vielleicht, kann ich das auch machen. Aber bis dahin gab es viele psychologische Überlebensmechanismen; es ist unglaublich, wie viele Gefühle man gar nicht erst zulässt, einfach um weitermachen zu können. Außerdem, wenn man von seiner Mutter abhängig ist, will man auch nicht alles aufrütteln. Früher waren meine Mutter und ich beste Freundinnen, ich war ihr sehr treu. Ich hätte gesagt, dass meine Mutter die perfekte Mutter war, dass sie alles richtig gemacht hat, dass sie einfach nur ein Baby wollte. Als ich anfing darüber zu schreiben, meinen biologischen Vater kennen zu wollen, hat das unserer Beziehung wirklich geschadet.

Und wie versteht ihr euch jetzt, wo du das schon fast ein Jahrzehnt tust? 

Jetzt haben wir eine seltsame Beziehung. Meine Mutter ist eine sehr intelligente, einfallsreiche Frau. Wenn ein Problem anfällt, dann löst sie es. Aber von Menschen entledigt sie sich. Mit ihrem ersten Mann hatte sie Schwierigkeiten, also ließ sie sich scheiden. Sie hatte die Möglichkeit, einen Freund als Samenspender für mich zu nehmen, jemand, den ich in meiner Kindheit hätte kennen können, aber das war ihr zu kompliziert, also nahm sie einen anonymen Samenspender. Mit meiner Arbeit bin ich eine von diesen schwierigen Beziehungen geworden, aber die Verbindung zwischen einem Elternteil und seinem eigenen Kind ist viel zu stark, als dass sie sich meiner entledigen könnte. Sie will mich nicht loswerden, ich bin ja ihre einzige leibliche Tochter. Also versucht sie jetzt, das Problem zu lösen: Sie hat all ihre Talente eingesetzt, über 5000$ ausgegeben und das ganze letzte Jahr damit verbracht, meinen Vater zu suchen. Und sie hat ihn gefunden. Wir beide haben alle DNS-Tests gemacht, die man machen kann, sie hat bei Genetik-Workshops mitgemacht, bei Schulungen, Berater angestellt, Personensuchdienste angeheuert, alles, um einen Heilungsprozess zu starten. Ich glaube sie wird enttäuscht sein, wenn das nicht alles heilt, wenn ich als 30-Jährige meinen leiblichen Vater kennenlerne und er mich immer noch ablehnt, weil er mich nicht großgezogen hat. Für manche Dinge muss man die Grundlage von Anfang an legen, da kann man nicht 30 Jahre später zurückgehen und das Problem lösen.

Was weißt du über deinen leiblichen Vater?

Er hat drei Kinder, ist ein Arzt in Tampa, Florida und eine seiner größten Aufgabenbereiche ist Botox und kleine Schönheitsoperationen. Seine Tochter macht gerade noch den DNS-Test (Anm. d. Red.: Alanas vermeintlicher Vater war selbst nicht dazu bereit), also sollte ich eigentlich sagen, dass ich nicht 100% sicher bin, aber wir haben ein einseitiges medizinisches Infoblatt über ihn und es passt alles perfekt. Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass er nicht mein Vater ist. Aber es ist möglich.

Wenn es sich bestätigt, was hast du dann vor?

Man kann von diesen Männer nicht sehr viel verlangen. Samenspender, die eigene Kinder großgezogen haben, scheinen viel weniger Interesse an einer Beziehung mit ihren Spenderkindern zu haben. Und er hat seinen Samen gespendet, als er schon verheiratet war, anscheinend geheim, also würde es in seiner Ehe Unrufe stiften, wenn er jetzt ein Kind aus seiner Samenspende annehmen würde. Also erwarte ich mir keine Beziehung. Aber ich möchte eine Beziehung zu meinen Halbgeschwistern aufbauen.

Schmerzt es dich, dass der Mann, der womöglich dein Vater ist, so wenig Interesse an dir zeigt?

Ich glaube, jeder möchte von seinen leiblichen Eltern geliebt werden. Ich spreche manchmal mit Adoptivkindern, dessen einziger Trost ist, dass ihre leiblichen Eltern sie aus Liebe an eine stabilere Familie abgegeben haben. Es ist sehr schwer für sie, wenn es ihren leiblichen Müttern egal war oder sie sie nicht als ihr Kind anerkannt haben.

Ich wurde von einer Frau, die auch Spenderkind ist, einmal wüst beschimpft, weil es sie ärgerte, wie ich Spenderkinder darstelle, dass ich ehrlich darüber spreche, dass meine Geschichte traurig war. Sie meinte: „Wie sollen unsere Spenderväter uns jemals kennenlernen wollen, wenn sie glauben, dass wir so traurig und verstört sind?“. Es gibt Webseiten von Spenderkindern, die ihren Vater suchen und die sich wie ein Produkt darstellen. Sie verkaufen sich als super intelligent, super liebenswert, stellen die schönsten Fotos online. Sie versuchen ihre Aufmerksamkeit wie auf einer Datingseite zu gewinnen. Es ist demütigend, dass man ein Schauspiel aufsetzen muss, sich selbst verkaufen muss, nur um mit seinem leiblichen Vater auf einen Kaffee gehen zu können. Aber man sieht das ständig.

„Wenn jemand fragt, wieviele Kinder ich habe… dann muss ich immer eine Lüge erzählen.“

Alana Newman

Du hast ja selbst auch mit 19 und 20 zwei Eizellen gespendet. Wieso?

Ich bin ja damit aufgewachsen, dass das normal ist und ich wollte das System verbessern. Ich habe mich als Open-ID-Spender angemeldet, sodass die Kinder mich kennenlernen können. Das ware meine Art, zur Verbesserung beizutragen. Als ob alles okay wäre, wenn man die Anonymität abschafft. Außerdem war da dieser Gedanke: Was sollen unfruchtbare Paare sonst machen, wenn es keine Spender gibt? Das hatte ich ja so gelernt. Meine Mutter war sehr stolz darauf, dass ich gespendet habe.

Wurdest du dafür bezahlt?

Ja, in Amerika zahlen sie zwischen 8.000 und 10.000$. Es ist sehr lukrativ. Wir haben hier ja ein riesiges Problem mit Studentenkrediten… Ich kenne viele Mädchen, die ihre Eizellen verkauft haben.

Und was ist aus deinen Eizellen geworden?

Es gibt zwei Kinder. Ich schreibe ihnen Briefe, die ich in eine Box lege, denn die Anonymität besteht noch einseitig. Sie können sich bei mir melden, wann immer sie wollen, aber ich darf mich nicht bei ihnen melden. Alleinerziehende Mütter in Kalifornien – das ist alles, was ich weiß.

Denkst du oft an sie? 

Früher habe ich die ganze Zeit an sie gedacht. Jetzt denke ich alle ein, zwei Wochen an sie, einfach weil ich mit meinen Kindern so beschäftig bin, mit dem Alltag. Aber an den Geburtstagen meiner Kinder, an Weihnachten, zu Familienfesten, oder wenn jemand fragt, weiviele Kinder ich habe… dann muss ich immer eine kleine Lüge erzählen. Vermutlich werden sie mich kontaktieren, wenn sie anfangen nachzufragen. Ich erwarte in den nächsten 15 bis 20 Jahren einen Anruf.

Wie kam es dann dazu, dass du nicht nur die Anonymität der Spender sondern das gesamte System an sich hinterfragt hast?

Es war eigentlich der Prozess, meine Eizellen zu verkaufen. Da habe ich die Fruchtbarkeitsindustrie zum ersten Mal als Erwachsener und aus der Nähe gesehen und erlebt, wie Spender behandelt werden – wie ein Produkt. Dein Profil als Eizellenspender ist so albern. Manchmal wird man als Frau doch von Männern als Objekt behandelt, nur als Stück Fleisch? Es waren die Frauen in der Fertilitätsklinik, bei denen ich mir am allermeisten vorkam wie ein Stück Fleisch. So hatte ich mich noch nie gefühlt. Und das Verfahren war dann physisch so schmerzhaft, dass ich anfing, über die gesundheitlichen Folgen der Eizellenspende nachzulesen. Es gibt keine Studien über die langfristigen Folgen, weil es eine ‚Cash Cow‘ ist. Wir haben in Amerika eine Kultur des schonungslosen Kapitalismus, der seinen Weg leider auch schon in die Fertilitätsindustrie gefunden hat.

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Und was war der Anstoß für Anonymous Us?

Ich hatte viele Beziehungschwierigkeiten, Schwierigkeiten mit Männern. Also beschäftigte ich mich mit Gender Studies, mit dem Unterschied zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gehirn, mit Sexualökonomie und Geschlechterkämpfen. Ich stieß auf viele verschiedene Bücher und Quellen, die mich zu dem Schluss führten, dass viele Probleme, die Männer und Frauen in Beziehungen haben, ihren Ursprung in der Familie haben. Wenn wir Familien intakt halten könnten und gute Väter hätten, würden wir viele Probleme lösen. In den USA haben wir riesige soziale Gefälle und strukturellen Rassismus. In der afroamerikanischen Gemeinde gibt es unglaublich viel Gewalt. 70% der Kinder werden ohne Vater geboren oder ihr Vater sitzt im Gefängnis. Wenn der Vater nicht da ist, um seine Familie zu unterstützen, ist das Armutsrisiko viel höher. Ich habe angefangen, all diese sozialen Probleme, Armut und Geschlechterkämpfe mit der Kleinfamilie und ihrem Zerfall in Verbindung zu bringen. Ich hatte die Möglichkeit für ein Think Tank in New York zu bloggen, dessen Präsident David Blankenhorn in Gemeindeprojekten arbeitete und nach Lösungen für die selben Probleme suchte, für Armut, akademische Leistungsschwäche, Drogen. Er hat auch vieles auf fehlende Väter zurrückgeführt und ein Buch geschrieben, das ‚Fatherless America – Confronting Americas Most Urgent Social Problem‘ heißt. Und als die Frage der Spenderkinder aufkam, hat er mit seinem Kollegen eine Studie über Samen- und Eizellenspende gemacht, die ‚My Daddy‘s Name is Donor‘ heißt. Es ist die größte solche Studie, die es gibt. Blankenhorn hat mir geholfen, Anonymous Us zu gründen und es hat dann schnell eine Eigendynamik entwickelt und ich konnte Leute involvieren, sie zum Schreiben bringen. Ich konnte damit einen anonymen Raum schaffen, um über all diese Fragen nachzudenken.

Und dieser Raum wird auch wirklich genutzt, ganz unterschiedliche Leute senden ihre Geschichten, Gedanken und Meinungen ein. Was sind für dich die Höhepunkte?

Eine der schönsten Geschichten auf Anonymous Us stammt von einer Frau, die ihren Sohn über eine Eizellenspende bekommen hat. Als er geboren wurde, wurde sie von Liebe zu ihm überwältigt und aus dieser Liebe enstand der Gedanke, dass er irgendwann Fragen über seine leibliche Mütter haben würde. Also suchte sie ihre Eizellenspenderin und baute eine Beziehung zu ihr auf. Sie schreibt, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen ihrem Sohn und seiner leiblichen Mutter gibt und ist sehr ehrlich über die Schmerzen, die es ihr bereitet, ihren Sohn nicht ganz für sich zu haben. Aber sie nimmt es für sein Wohl in Kauf. Manchmal kommen Geschichten von Menschen rein, die so ehrlich sind – es ist etwas Wunderschönes, ein Kind zu bekommen und neues Leben in die Welt zu bringen und viele unserer Beitragenden sind tolle Eltern, aber die besten sind immer die, die ehrlich zu allem stehen, zum Schönen wie zum Schwierigen. Außerdem hat Anonymous Us viele Menschen zusammengebracht, es hat mir viele Freundschaften geschenkt. Ich glaube, Menschen fühlen sich ‚menschlicher‘, wenn sie andere kennenlernen, die ihre Sorgen und Zweifel verstehen. Leid kann Menschen zusammenbringen und das ist schön.

Wie hat deine Mutter auf Anonymous Us reagiert?

Ich habe es ihr verheimlicht. Ich habe meinen Mittelnamen Alana als Pseudonym verwendet und meinen Nachnamen weggelassen und es vor ihr versteckt. Mir war klar, dass sie es irgendwann herausfinden würde, aber ich wollte sie nicht damit verletzen. Ich rede mit ihr immer noch nicht darüber… Sie findet manchmal Sachen online und ruft mich aufgebracht an. Das war das Schwierigste und ist immer noch das Schwierigste für mich: eine gesunde Beziehung mit meiner Mutter zu führen und gleichzeitig ehrlich darüber zu sprechen, wie es mein Leben beeinflusst, ein Spenderkind zu sein.

Wieso ist es dir das Wert, deine Beziehung zu deiner Mutter so zu belasten?

Ich glaube fest daran, dass wenn wir dafür sorgen, dass die leibliche Familie intakt bleibt, dass wenn wir sichergehen, dass jedes Kind mit seinen beiden leiblichen Eltern aufwachsen kann, dass wir Armut und Kindesmisshandlung, Selbstmorde und viele pschologischen Probleme verringern könnten. Und da spielen Samen- und Eizellenspende eine große Rolle, weil es da eine Industrie gibt, ganze Marketing Teams mit großen Budgets, die die Idee verbreiten, dass Väter nicht wichtig sind und Mütter nicht wichtig sind, damit sie mehr Geld mit vater- und mutterlosen Kindern verdienen können. Und ich bin bereit, die Beziehung zu meiner Mutter zu riskieren, damit ich ehrlich über diese Überzeugung sprechen kann.

 PAULA THUN,28, hätte noch weitere Stunden mit Alana über Gott und die Welt sprechen können, musste sich dann aber vernünftigerweise dem Fertigwerden der vorliegenden Melchior-Ausgabe widmen.

 

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Alana Newman
ihre Erfahrungen als Spenderin sind nicht nur Antrieb hinter der Plattform Anonymous Us, sondern auch Fotos für ihr künstlerisches Schaffen als Musikerin. Ihre rauchige Stimme und den nachdenklichen Text zu Indie-Pop-Melodien kann man auf ihrer website (www.alananewmann.com) lauschen.

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„LEID KANN MENSCHEN ZUSAMMEN- BRINGEN UND DAS IST SCHÖN“

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