Zerbrechlich
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Zerbrechlich

Eine Brustkrebsdiagnose trifft die Autorin aus heiterem Himmel und stellt das Leben ihrer kleinen Familie auf den Kopf. Vom Verlust der Unbesiegbarkeit und der Erfahrung, dass man mehr tragen kann, als man sich selbst zutraut. 

Diese Erfahrung ist im März 2021 in der Ausgabe Nr. 14 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Es ist ein Montagabend Ende März, die Kinder sitzen in der Badewanne. Die Stimme des Arztes am Telefon ist ruhig, fast sanft: „Können Sie sprechen? Ist Ihr Mann auch zu Hause?“ Nein, er ist noch im Büro. Ein Stich in den Bauch. „Sie können sich wahrscheinlich denken, wenn es gutartig wäre, hätte ich es gleich gesagt.“

Meine Gedanken rasen, einzelne Worte formen sich zu Stoßgebeten. Ich rufe meinen Mann an, bitte ihn schluchzend, mich abzuholen, der Arzt wolle uns heute Abend noch sehen. Ich höre die Kinder in der Badewanne kreischen und lachen, das Au-Pair-Mädchen ist bei ihnen. Jetzt muss alles ganz normal wirken. Ich zwinge meine Gefühle nieder, wische mir die Augen trocken und gehe zu ihnen. „Ich habe eben mit Papi telefoniert. Er muss heute Abend zu einem dringenden Termin, er möchte, dass ich ihn begleite. Maya bringt euch ins Bett.“ Wütendes Protestgeschrei. Ich bin erleichtert – sie haben nichts bemerkt. Ein paar Anweisungen an das Au-Pair-Mädchen, dann überlasse ich ihr das schaumtriefende Chaos und warte draußen auf meinen Mann. Es dämmert schon, die Stimmung ist friedlich. Als wäre alles in Ordnung. Unsere kleine Welt steht in diesem Moment Kopf, doch außer uns weiß es keiner.

Unwirkliche Wirklichkeit 

Vor der Praxis spazieren wir auf und ab und warten auf den Arzt. Wir halten uns aneinander fest, meine Zähne klappern so, dass ich kaum ein Wort herausbringe. Die nächsten Stunden bekommen wir einen Crashkurs in Sachen Brustkrebs. Begriffe prasseln auf uns ein, die uns in den nächsten Monaten nur allzu vertraut werden: Tumor, Grading, Proliferationsfraktion, Chemo, Bestrahlung, endokrine Therapie. Mein Mann ist, wie er in Extremsituationen immer ist: sachlich, konzentriert, stark. Ich entdecke, dass auch ich das besser kann, als ich dachte – stark sein. Ich höre zu, frage nach, versuche Klarheit in ein Gewirr von Fachausdrücken zu bringen. Langsam lichtet sich der Nebel und wir beginnen zu verstehen, was uns erwartet.

„Unsere kleine Welt steht in diesem Moment Kopf.”

MAGDALENA RAUTER

Die Tage nach der Diagnose vergehen in einer Art Trance. Die Welt um uns versucht, sich auf eine globale Pandemie einzustellen, Schulen und Kindergärten sind geschlossen, die Leute hamstern Lebensmittel. Mitten in diesem Gewirr versuchen wir, in unserem kleinen Universum mit unserer eigenen Gesundheitskrise fertigzuwerden. Noch weiß es niemand außer uns beiden, den Kindern ist keine Verwunderung darüber anzumerken, dass Mami alle paar Tage einen wichtigen Termin oder ein längeres Telefonat hat. Die Zwerge tun mir gut und lenken ab. In ihrer Realität ist alles dringend, alles wichtig, alles unmittelbar. Wenn man nicht darüber nachdenken will, ob der Tumor in der Brust Metastasen gestreut hat, beschäftigt man sich am besten mit der abgebrochenen Schaufel des Spielzeugtraktors oder mit dem verschwundenen linken Schuh. Anstatt zu googeln, welche Nebenwirkungen die geplante Chemotherapie hat, findet man lieber heraus, welches Geräusch ein Zebra macht oder bei welchem Slime-Rezept man mit Zutaten aus der Speisekammer auskommt. Und wenn unter der Dusche die Tränen nicht versiegen wollen, tut es sogar gut, dass zwei wütende Dreikäsehochs hereinstürmen, die sich um ein Spielzeug streiten. Ich bin ja nicht kränker, als ich gestern war. Das Leben geht weiter – Gott sei Dank.

Angst und Mut 

Nach und nach erzählen wir Familie und Freunden von der Diagnose, auch Bekannten. Ich habe keinerlei Bedürfnis, den Krebs zu verstecken – im Gegenteil. Mit jedem Gespräch, mit jedem Telefonat wird die Krankheit mehr zu Wirklichkeit. Wir werden regelrecht überschwemmt von einer Flut an Briefen, Paketen, Blumen, Geschenken, Nachrichten und Gebeten. Von Eltern und Geschwistern, guten Freunden, von Bekannten, sogar von ganz und gar Fremden. Wir erfahren, wie sehr so etwas trägt: Wir sind ruhig, gefasst, sogar friedlich. Natürlich gibt es Momente, in denen uns alles überwältigt, und wir es mit der Angst zu tun bekommen. Während ich mir Gedanken an den Tod verbiete, stellt sich mein Mann still und heimlich auf die Möglichkeit ein, in einem halben Jahr als Witwer dazustehen und überlegt konkret, wie er das Management seiner Firma umbauen muss, damit er ganz für mich, und später für drei Halbwaisen da sein kann. Wie schwer er daran getragen hat, merke ich an dem Tag, als die Nachricht kommt, dass der Tumor nicht gestreut hat, und damit die Heilungschancen wirklich gut sind. Ihm fällt ein ganzes Gebirge vom Herzen.

„Mein Mann überlegt konkret, wie er ganz für mich und später für die Halbwaisen da sein kann.”

MAGDALENA RAUTER

An einem nebligen Samstagmorgen sagen wir es den Kindern. Zusammengekuschelt auf unserem Sofa, noch im Pyjama und ganz zerknautscht vom Schlafen, erzählen wir ihnen von Tumor und bevorstehender Operation, von der starken Medizin, die die Mami nehmen muss, um wieder ganz gesund zu werden. Der Große fragt und fragt, die Mittlere möchte bald nicht mehr darüber sprechen, und der Dreijährige turnt auf der Rückenlehne herum und will wissen, was das ist, ein „Humor“. Wir sagen ihnen, dass niemand schuld ist an der Krankheit, dass sie nicht ansteckend ist und dass es ganz wichtig ist, dass wir in unserer Familie keine Geheimnisse voreinander haben. Dass jeder deswegen auch mal traurig oder ängstlich sein darf, und dass wir immer für sie da sind, wenn sie Fragen oder Sorgen haben. Ob man daran sterben kann, fragt der Große. Es gibt Arten von Krebs, an denen kann man sterben, antworten wir. Aber mein Krebs ist einer, den man sehr gut heilen kann. Das reicht ihnen erst einmal.

Neue Normalität 

Die Tage vergehen. Der Jüngste malt der Mittleren mit Kugelschreiber einen „Humor“ auf den Bauch, der Große macht sich Sorgen, wie er in seiner Klasse davon erzählen soll, weil es doch peinlich ist, über Busen zu sprechen.

Bis Mitte April leben wir weiter wie bisher, im neuen Alltag eines Lockdowns. Dann wird aus einer Diagnose eine Lebensrealität. Die Operation verläuft gut, eine Woche Krankenhaus, kein Besuch erlaubt. Der Befund: Alles konnte entfernt werden, ich bin krebsfrei. Trotzdem muss ich Chemo und Bestrahlung machen, das Rückfallrisiko ohne weitere Therapien ist viel zu hoch. Die Ärzte schlagen alternative Behandlungsmethoden vor. Ich kämpfe mit der Entscheidung. Am Schluss steht für mich fest: Ich will das volle Programm. Was sind sechs Monate Therapie gegen ein ganzes Leben?

Wir gewöhnen uns alle an die Narben, an den Portkatheter, der mir unter die Haut implantiert wurde, um die Chemo-Infusionen anzuhängen. Anfang Mai feiert unsere Mittlere ihren sechsten Geburtstag, sie bekommt eine Schultasche. Herrliche Normalität. Einige Tage später beginnt der Teil der Therapie, vor dem ich mich am meisten fürchte.

„Der Dreijährige will wissen, was ein Humor ist.”

MAGDALENA RAUTER

Rettendes Gift 

Ich sitze, eingehüllt in ein gemütliches Wollcape, in einem bequemen Lehnsessel, die Füße hochgelegt, eine Schwester schließt die erste Infusion an. Fünf andere Frauen sitzen in den anderen Sesseln, jede mit einem Infusionsständer neben sich, manche tragen Perücken. Ich beobachte, wie die durchsichtige Flüssigkeit tröpfchenweise in mich hineinfließt, die mich gesund machen soll, und die mich doch so viel kosten wird: meine Kraft, meine Haare, vielleicht sogar meine Fruchtbarkeit. Es ist so schwer, ans Gesundwerden zu denken, wenn die Schwestern doppelte Handschuhe tragen, weil die Berührung mit dem Mittel so gefährlich ist. Ich versuche zu beten: Gott, danke, dass es diese Medizin gibt. Mein Kopf weiß, dass es stimmt. Mein Herz fühlt sich wie ein Lügner.

Die Stimmung ist entspannt, die Schwestern machen Konversation und servieren Tee. Mami-Wellness, denke ich. Dann werden meine Hände und Füße in Eis gepackt, damit das Medikament die Sensibilität in meinen Fingern und Zehen nicht beeinträchtigt. Vorbei ist das Wellness-Gefühl. Als ich nach drei Stunden auf den Beifahrersitz unseres Autos klettere, ist mein Kopf wirr, aber mein Herz ruhig. Die nächsten Tage überstehe ich gut, ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Alle verwöhnen mich, nach ein paar Tagen fühle ich mich weitgehend normal. Geschafft! The show must go on.
Als wir zu Pfingsten übers Wochenende Freunde besuchen, beginnen mir die Haare in Büscheln auszugehen. Ich will mich am liebsten verstecken, bin zutiefst verunsichert und traurig. Ich lese einen Artikel über eine Frau, die sich während der Chemo die Haare abrasiert, bevor sie ihr ausgefallen sind. Als wir an diesem Nachmittag nach Hause kommen, stelle ich einen Hocker in den Garten. Die Kinder dürfen mir die Haare abschneiden, dann kommt mein Mann mit dem Rasierapparat. Wir experimentieren mit Frisuren, ich bekomme einen Irokesen verpasst, den meine Tochter grün ansprüht, bevor wir auch den letzten Schopf abrasieren. Wir starren alle ungläubig auf die Glatze, aber haben unseren Spaß. Meine Tochter findet, dass ich schrecklich aussehe, meinem Mann gefällt’s. Mir auch – ich fühle mich befreit. Jetzt kann kommen, was will, ich halte es aus.

Die teure Perücke trage ich kaum. Ich fühle mich verkleidet, unaufrichtig. Als müsste ich mich schämen, als wäre ich schuld. Ich gewöhne mich an die Blicke, mache Scherze mit den Nachbarskindern, um ihnen Berührungsängste zu nehmen. Als unser Jüngster mich zum ersten Mal mit Perücke sieht, merke ich aber, dass sein kleines Herz doch schwer an der Veränderung trägt. Er betrachtet mich entzückt und gluckst begeistert: „Mami! Du bist wieder ganz!“

Aufreibender Alltag 

Auch eine Krebserkrankung kann Alltag werden, und dieser Alltag ist am schwersten zu ertragen. Man muss funktionieren, die Kinder streiten trotzdem, die Erwachsenen auch, Stress und Erschöpfung machen sich bemerkbar. Mal vertrage ich die Chemo besser, mal schlechter. Arbeit und Schulalltag in Zeiten der Corona-Krise stellen auch ihre Forderungen. Es ist schwer, über viele Monate konstant auf jemanden Rücksicht zu nehmen. Ich versuche, den Kindern weiterhin eine gewisse Normalität zu ermöglichen, in einer Zeit, in der kaum noch etwas für jemanden normal sein kann. Morgens die Kinder fertigmachen, tägliches gemeinsames Mittagessen, abends vorlesen, beten, ins Bett bringen, egal wie es mir geht. Verabredungen mit Freunden, soweit mein Immunsystem es zulässt. Viele Tage lebe ich auf den nächsten Mittagsschlaf hin, auf die nächste Pause, die Bettzeit der Kinder. Abends ist nicht mehr viel Kraft übrig für Zweisamkeit.

„Wir stoßen im Krankenbett mit Kamillentee an.”

MAGDALENA RAUTER

Jetzt reicht’s 

Mitte Juni hat mein Mann einen Fahrradunfall, verletzt sich fünf Wirbel. Er hat Schmerzen, schläft schlecht. Oft liegen die Nerven blank. Unser Zuhause ist kein Ort der Erholung mehr, auch die Kinder bekommen die schlechte Stimmung zu spüren. Wir kämpfen mit unseren jeweiligen Situationen, miteinander. Beide bräuchten wir die ganze Kraft des anderen, doch keiner von uns hat viel zu geben. Wir sind zusammen, und doch fühlen wir uns beide sehr einsam. Wir haben Scheuklappen auf, sehen nur noch uns, Wohlwollen und Mitgefühl bleiben auf der Strecke. Wir sind an der Grenze, emotional und physisch.

Trotzdem fühlen wir uns getragen. Immer wieder rappeln wir uns auf und machen weiter, kämpfen um uns, um unsere Familie. Wir fragen nie: Warum wir? Wir wissen genau, es hätte so viel schlimmer kommen können. Metastasen überall. Querschnittslähmung. Wir haben alle Unterstützung, die wir brauchen, ein schönes Zuhause, gute Freunde und Familien, die für uns da sind. Drei gesunde, fröhliche Kinder. Die Mittel, um uns die besten Therapien zu leisten. Die meisten anderen wären in dieser Situation schlimmer dran.

Zielgerade 

Im Herbst beginnt die Bestrahlung. Ich pendle täglich zwei Stunden zwischen zu Hause und Krankenhaus, morgens los, nachdem die Kinder untergebracht sind, rein in die Röhre, mittags zurück, den Kleinen abholen, kochen, Hausaufgaben betreuen, Fußballtraining, Musikstunde. Gesundwerden als Halbtagsjob. Während der letzten Woche meiner Bestrahlung, wird mein Mann an der Wirbelsäule operiert, da sich sei Zustand verschlechtert. Die erste Operation läuft schief, er verliert die Kraft in seinem kleinen Finger. Er muss ein zweites Mal operiert werden. Mir reicht’s. Wie lange noch? Was soll noch alles kommen, bevor wir vom Haken gelassen werden? Glücklicherweise liegt er im gleichen Krankenhaus, in dem auch meine Bestrahlung stattfindet. Ich kann ihn also täglich besuchen, wenn ich aus der Röhre komme. Ich hatte geplant, die letzte Bestrahlung mit Sushi und Gin Tonics zu feiern. Wir stoßen an seinem Krankenbett mit Kamillentee an. Aus der Schnabeltasse. Man wird genügsam.

Eine Woche später kommt er nach Hause. Die Pandemie beschert uns viel Zeit zusammen, wir gehen spazieren, reden, versuchen uns wieder zu finden. Ein Fazit zu ziehen. Was bleibt? Zwei geschundene Körper, voller Narben, der eine noch voller Gift. Der Verlust der Unbesiegbarkeit und das Bewusstsein, dass sich alles ganz schnell ändern kann. Die Erfahrung, dass es nicht in unserer Macht liegt, was uns passiert, aber sehr wohl, wie wir darauf reagieren. Ein neues Bewusstsein für die eigenen Grenzen – und die eigene Kraft. Die tiefe Dankbarkeit für die Liebe von Freunden und Familie und der Mut, der aus ihr wächst. Der unbändige Wille, weiterzumachen, weil wir wissen, dass es sich lohnt, auch wenn es uns viel abverlangt. Und einen neuen, dankbaren Blick – für das, was im Leben wirklich zählt.

MAGDALENA RAUTER, 39, ist studierte Betriebswirtin und leitet ein Familienunternehmen im Südschwarzwald mit drei ziemlich kleinen Mitarbeitern. Sie liebt Musik, Schokolade und gut formulierte Sätze.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.