Wundern wie in Kindertagen
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Wundern wie in Kindertagen

Matthias Berger betreibt den größten deutschsprachigen Youtube-Kanal rund um das Thema Zauberkunst.

Das Gespräch ist im Dezember 2023 in der Ausgabe Nr. 19 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Tausende junger Menschen haben durch ihn die Faszination für magische Momente entdeckt. Mittlerweile hat der 29-jährige Künstler eine eigene Kartenmarke gegründet, einen Shop eröffnet und gibt regelmäßig Workshops für Jungzauberer. Matthias wohnt mit seiner Verlobten und den drei Kindern in Westdeutschland.

Zauberkünstler üben stundenlang, um einen Trick aufführen zu können. Ist Zaubern mehr Kunst oder mehr Handwerk?

Matthias Berger – Es ist die perfekte Mischung aus Handwerk und Kunst. Zaubern ist tatsächlich sehr viel Übung, ja. Aber ohne künstlerischen Aspekt bringt alles Üben nichts. Bloß vorgeführtes Handwerk ist nicht magisch. Andererseits kann ich künstlerisch noch so begabt sein, wenn meine Ausführung nicht sauber ist, dann bringt mir auch das beste Talent nichts. Man braucht beides gleichermaßen, um erfolgreich als Zauberer zu sein.

Welche Eigenschaften braucht der erfolgreiche Zauberer noch?

Charisma und Rhetorik sowie ein gutes Improvisationstalent. Wenn Dinge mal schiefgehen – wenn ein Trick nicht wie gewünscht funktioniert – müssen dir genau im richtigen Moment die passenden Sprüche oder Witze einfallen. Und nicht zuletzt Empathie. Ein Zauberer muss sich in seinen Zuschauer hineinversetzen können. Aus deiner Sicht spielen sich bloß tausendfach eingeübte Abläufe ab, aber für den Zuschauer passiert in deinen Händen gerade ein Wunder. Was für dich alltäglich ist, ist für dein Gegenüber außergewöhnlich.

Was unterscheidet Zaubern von sonstiger Unterhaltung?

Zauberei bedient sich aus vielen anderen Sparten. Aber was Zauberei in meinen Augen schafft wie keine andere, ist der Moment der Verblüffung. Man ist überrascht, ratlos, sprachlos – wie hat das jetzt funktioniert? Wenn ich hingegen ein schönes Bild sehe, Musik höre oder einen Film schaue, frage ich mich kaum „Wie hat er das nur gemacht?“. Die Zauberei lebt richtiggehend von der Verblüffung.

Ist es das, was du am meisten genießt?

Ja durchaus. Wenn du Menschen vor dir hast, die sich wieder einmal seit langer Zeit etwas überhaupt nicht erklären können – das ist schön. (lächelt)
Niemand lässt sich gerne für dumm verkaufen. Wieso nehmen es die Leute trotzdem in Kauf, von dir als Zauberer vorgeführt zu werden?

Es geht selbstverständlich nicht darum, den Leuten das Gefühl zu geben, verarscht worden zu sein. Ich erzeuge vielmehr einen magischen Moment, bei dem die Fantasie die Oberhand gewinnt. In der Magie versuche ich die Menschen aus ihrer Realität herauszuziehen und ihnen einen Moment des Staunens, der Unmöglichkeit, ein kleines Wunder zu geben. Für einen Augenblick verschwindet die Grenze zwischen Realität und Fantasie.

Woran liegt es, dass rationale Menschen Irrationalität so faszinierend finden?

Im Unerklärbaren liegt ein geheimnisvoller Reiz. Als Kind bestand unsere Welt aus Dingen, die wir nicht wissen, nicht verstehen und nicht erklären konnten. Wir wussten, dass wir keine Ahnung haben und stellten andauernd Fragen. Als Erwachsene leben wir meist mit der Einstellung, dass wir nun alles verstehen und alles wissen – gefragt wird kaum noch. Der Moment der Magie durchbricht das. Als Erwachsener wirst du wieder zum Kind, welches voll Ratlosigkeit staunen kann, über eine Welt, die es nicht versteht.

Und was ist, wenn du tatsächlich Kinder vor dir hast beim Zaubern?

Kinder sind die kritischsten Zuschauer, wenn man unsauber arbeitet. Da reicht ein klitzekleiner Fehler und sie lassen dich schonungslos auffliegen. Und Kinder sind brutal ehrlich. Ich hab großen Respekt vor Kinderzauberern. Kinder haben ein anderes Auge auf Magie als Erwachsene, weil sie noch weniger geprägt sind. Erwachsene haben während ihres Lebens bestimmte Verhaltensweisen angeeignet, die ich als Zauberer zu Ablenkungszwecken nutze. Wenn ich mit der einen Hand ein Objekt hochhalte, dann schauen alle dahin. So kann meine andere Hand in derselben Zeit etwas anderes machen. Kinder lassen sich nicht so banal ablenken, da diese Mechanismen in ihrem Kopf noch nicht so verankert sind. Wenn die Illusion hingegen wirklich gut abgeliefert ist, dann sagt ein Kind natürlich auch eher mal: Wow, du hast tatsächlich magische Kräfte.

Gibt es auch eine Sorte Erwachsener, die besonders kritisch im Publikum sitzen?

Es gibt tatsächlich gewisse Leute mit einem gekränkten Ego, die es nicht haben können, dass in der aktuellen Situation gerade wer anderes im Mittelpunkt steht. Sie fühlen sich dann meist herausgefordert und meinen, dass sie mich jetzt besiegen müssten, indem sie alles erklären können. Als würde ich vor jedem Zaubertrick sagen: „Guck mal, ich zeig dir was und du musst jetzt herausfinden, wie das geht.“ Das hat nichts mit Zauberkunst zu tun.

Glaubt man einem Zauberer weniger als anderen Leuten?

Beim Kartenspielen, ja! (lacht) Ich spiele gern Poker mit Freunden. Sobald ich mit Kartenmischen dran bin, schaut jeder ganz genau hin. Einfach weil sie wissen, dass ich grundsätzlich das ganze Deck kontrollieren könnte. Aber das würde mir ja auch keinen Spaß mehr machen.

Glaubt man einem Zauberer weniger als anderen Leuten?

Beim Kartenspielen, ja! (lacht) Ich spiele gern Poker mit Freunden. Sobald ich mit Kartenmischen dran bin, schaut jeder ganz genau hin. Einfach weil sie wissen, dass ich grundsätzlich das ganze Deck kontrollieren könnte. Aber das würde mir ja auch keinen Spaß mehr machen.

Lässt das Wissen um die Möglichkeiten von Illusionen den Geist kritischer werden?

Ich weiß nicht, ob es nur von der Zauberei herkommt, aber ich bin vom Wesen her schon ziemlich kritisch. Gerade heute, wo mittels künstlicher Intelligenz Gesichter, Stimmen, ja alles Mögliche gefakt werden kann, spüre ich bei mir einen starken Sinn dafür, dass überall Illusionen stecken können.

Bist du in dem Fall auch weniger anfällig für Aprilscherze?

Lustigerweise nicht – das ist komisch. Ich lasse mich sehr leicht reinlegen. Auch wenn mir ein anderer Zauberer einen Trick zeigt, den ich noch nicht kenne, dann fühl ich mich verzaubert wie am ersten Tag. Eigentlich ist genau das der Grund, warum ich überhaupt Zauberer wurde, weil ich selber dieses Gefühl der Täuschung so schön fand, dass ich’s weitergeben wollte. Vielleicht ist dies eine weitere Eigenschaft eines guten Zauberers, dass er selbst offen ist verzaubert zu werden. Meine Kinder haben mich dieses Jahr am ersten April wieder mal voll reingelegt. Aber ich hab mich auch sehr gut gerächt. (lacht schelmisch)

Was ist aus deiner Sicht wahr und objektiv?

Fakten sind wahr. Also Dinge, die ich belegen kann und die von Menschen auf der anderen Seite der Erde nachgewiesen und nachvollzogen werden können. Natürlich immer so lange, bis wer anderes das Gegenteil beweist. Dinge, die man in irgendeiner Form versuchen kann nachzuweisen, sind für mich wahre Dinge. Objektivität ist dann die neutrale Betrachtung dieser Dinge, ohne seine eigenen Hintergründe mitreinzubringen.

Könnte man Zauberei auch dadurch definieren, dass es genau darum geht, eine Situation herzustellen, die für alle Zuschauer objektiv wirkt und diese dann zu durchbrechen?

Magie lebt davon, dass wir eine Realität vorspielen, während eine andere im Hintergrund passiert. Und das bricht dann die Erwartungshaltung, sodass es zu dieser Verblüffung kommt. Andererseits ist Magie aber auch extrem subjektiv, weil jeder in das aktuelle Geschehen ganz individuelle Dinge reinprojiziert. Wenn ich eine Spielkarte in das Kartendeck schiebe, und mit einem Fingerschnippen liegt sie plötzlich ganz oben, dann hat sie sich für den einen nach oben teleportiert, der andere hat es so wahrgenommen, als habe ich seine Karte ausgetauscht, wieder ein anderer denkt, ich hätte einen unbemerkten Griff durchgeführt und so weiter. Da ist viel Interpretationsspielraum. Am meisten im Mentalmagiebereich, wo’s darum geht, dass du an etwas denkst und ich aus irgendeinem Grund genau diese Information laut nennen kann. Für den einen kann ich dann Gedanken lesen, der andere denkt, ich könnte in die Zukunft schauen. Auch jeder Zauberer verkauft es anders.

Erlebst du Vermischungen von Zauberkunst mit Übernatürlichem oder religiösen Inhalten?

Ja, aber vor allem von Menschen mit einem Hang zur Esoterik. Natürlich gebe ich im Rahmen eines Auftritts vor, ich könnte Gedanken lesen oder die Zukunft vorhersagen, aber ich reagiere sehr allergisch darauf, wenn Menschen wirklich an solche Dinge glauben. Skurrilerweise glauben solche Menschen oft auch dann noch, dass ich übernatürliche Kräfte hätte, wenn ich explizit erkläre, dass das alles Tricks sind. Nicht selten möchten mir Leute in YouTube-Kommentaren beibringen: „Das sind übernatürliche Kräfte. Dämonen und Dschinns helfen dir dabei.“ Dabei habe ich in genau dem Video den Griff erklärt, der die Illusion möglich macht. Hä?!? Es gibt einige, die da echt die Grenze verlieren. Zum Glück ist das nur eine Minderheit.

Es gibt aber auch Zauberer, die den Unterschied bewusst nicht machen. Wie reagierst du darauf?

Für mich ist das eine Form von Missbrauch und Scharlatanerie. Für mich persönlich ist wichtig zu betonen, dass ich keinerlei übernatürliche Kräfte besitze. Auch wenn ich für die Illusion teilweise unehrlich bin, leg ich in der Realität großen Wert auf Ehrlichkeit. Selbst während meinen Shows versuche ich Lügen zu vermeiden. Wenn jemand wie Uri Geller sagt, er habe tatsächlich mentale Kräfte, dann zieht dies Menschen an, die in hilflosen Situationen sind. Auch mir ist es schon passiert, dass Leute nach einem Auftritt zu mir kamen und sagten: „Meine Oma hat Krebs, kannst du da was machen?“ oder „Meine Mama ist gestorben, kannst du mit ihr Kontakt aufnehmen?“ Da kommen Menschen, die gerade viel Schmerz erfahren und werden schamlos ausgenutzt.

“Für mich stecken die Wunder mehr zwischen den Zeilen.”

MATTHIAS BERGER

Glaubst du grundsätzlich an das Übernatürliche, kann es das geben?

Ich bin ein sehr wissenschaftlicher und rational denkender Mensch. Übernatürliche Kräfte zum Beispiel halte ich für unmöglich. Trotzdem gibt es für mich Wunder, im Sinne von unerklärlichen Dingen. Das fängt schon an bei der Geburt meiner Tochter. Vater zu sein fühlte sich für mich vom ersten Moment an magisch an. Da ist sozusagen aus dem Nichts ein neues Leben entstanden und mittlerweile hat sie einen eigenen Charakter, plappert rum und hat ein spezifisches Wesen entwickelt. Diese unbedingte Liebe, die ich verspüre und die einem entgegenkommt, das fühlt sich definitiv an, als wäre das mehr als nur Chemie in meinem Hirn. Auch wenn ich den aktuellen wissenschaftlichen Stand sehr wohl kenne, bleibt für mich das ganze Konzept Leben im höchsten Maße unerklärlich. Da bin ich am Staunen. Das ist für mich ein Wunder auf jeden Fall.

Ein Wunder im engeren Sinne, in Form einer unerklärlichen Überraschung hast du aber noch nie erlebt?

Nein, dieses Glück hab ich noch nicht gehabt. Für mich stecken die Wunder wie gesagt mehr zwischen den Zeilen. Ich möchte Menschen aber motivieren, dass sie beginnen nach magischen Momenten zu suchen in ihrem Alltag. Kleine Wunder, nicht fassbare, magische Momente stecken immer und überall. Im Lächeln der eigenen Kinder zum Beispiel. Kinder können ein Lächeln nicht faken. Es ist einfach echt. So authentisch. Solche Momente als magisch wahrzunehmen, müssen wir wieder mehr lernen. Magie heißt nicht immer: „Zieh mal eine Karte“. Das Leben ist so voll von Augenblicken, in denen mehr passiert, als ich auf der Erfahrungsebene beschreiben kann. Wenn ich staune, wenn ich verblüfft bin, wenn ich Dinge mehr spüre als ich sie wirklich verstehe: Das sind magische Momente.

Gibt es das Unmögliche?

Ich habe schon Performances gesehen, wo ich bis heute nicht weiß wie das ging. Selbst wenn manchmal Glück und Zufall mitreinspielen, dann steckt da irgendwo das Unmögliche mit drin, würd ich sagen. Oh, das wird jetzt philosophisch. Konzepte wie Unendlichkeit oder auch Zufall wirken in gewisser Weise unmöglich. Dinge, die unser Gehirn einfach nicht verstehen kann. Menschen, die auf Verschwörungstheorien stehen, sehen oftmals irgendwelche Zusammenhänge, die nicht unbedingt gegeben sind, einfach weil das Universum so superkomplex ist. Ich glaube auf jeden Fall daran, dass es ein Wirken gibt, das weit über unseren menschlichen Horizont hinaus geht. Da wo unser kleiner Verstand aufhört zu begreifen, beginnt das Unmögliche.

 JOHANNES TSCHUDI.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.