Wunder und Wissenschaft
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Wunder und Wissenschaft

Ein Gespräch mit dem weltbekannten Mathematiker John Lennox über Wunder, Wissenschaft und Glaube.

Das Gespräch ist im Dezember 2023 in der Ausgabe Nr. 19 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Es ist 12.00 Uhr mittags an einem sonnigen Augusttag in Oxford. Im Garten des Green Templeton Colleges sitzt John Lennox auf einer Bank und genießt sichtlich das überraschend gute Wetter. Mit einem freundlichen Lachen heißt er uns in „seinem“ College herzlich willkommen. Viele Jahre lang war er hier Professor für Mathematik und ist immer noch eng mit den Menschen und den Gebäuden verbunden. Gemeinsam spazieren wir zum Speisesaal des Colleges, wo er uns zu einem Mittagessen in der bekanntlich besten College Kantine Oxfords einlädt. Nach einem tatsächlich außergewöhnlich guten Essen beginnen wir unser Interview. Dabei wird eines sofort klar: Von seiner geistigen Klarheit und seinem Humor hat er trotz seines hohen Alters von 79 Jahren nichts eingebüßt.

Herr Lennox, worüber staunen Sie?

John Lennox – Über vieles. Ich beginne mit der Schöpfung. Ich habe in meinem Garten ein Teleskop. Damit beobachte ich Andromeda und den Ringnebel und die Planeten. Es gibt eine beeindruckende ästhetische Qualität des Universums, die zu mir spricht. Wenn ich mir einige der großartigen Fernsehdokumentationen über die Natur anschaue, die heutzutage mit spektakulärer Filmkunst gemacht werden, dann erfüllt mich auch das mit großem Staunen. Aber noch mehr bin ich erstaunt darüber, wie Gott auf verschiedenen Ebenen mit Menschen redet und zusammenarbeitet, um Sein Werk in der Welt zu tun, sei es bei der Lösung von Problemen in der Medizin und im Gesundheitswesen, bei Wohltätigkeitsaktionen oder wenn Menschen ihr Leben ändern. All das erfüllt mich mit Staunen, und natürlich ist das Evangelium selbst und die Ereignisse im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi das Hauptwunder.

Sie haben sich in Ihrem Leben immer wieder mit der Möglichkeit von Wundern auseinandergesetzt. Könnten Sie kurz definieren, was ein Wunder ist?

(Schmunzelt) Wir verwenden diesen Begriff in vielen verschiedenen Kontexten. Im Alltag sagen wir etwa: „Es ist ein Wunder, dass Johannes seine Prüfung bestanden hat“, was einfach bedeutet, dass wir überrascht sind, weil er sich nicht gut vorbereitet hatte. Vielleicht bringt uns dieses Wort gar nicht auf die richtige Fährte. Das lateinische Wort „miraculum“ bezeichnet schlicht etwas, worüber wir uns wundern. Aber wir wundern uns über viele Dinge. Gleichzeitig finde auch ich nicht jede Behauptung über Wunder gleich plausibel. Viel grundlegender ist die Frage, ob es eine „übernatürliche“ Dimension gibt – ob übernatürliche Dinge geschehen. Aus philosophischer Sicht sollte der Schwerpunkt dort liegen, denn das ist die eigentlich relevante Frage, um die es hier geht: Gibt es mehr als Masse und Energie im Universum? Ist das alles, was existiert? Die Antwort auf diese Grundfrage bestimmt dann auch, was überhaupt als „Wunder“ zählt. Deshalb beschränke ich mich in dieser Sache meistens auf die historischen Wunder, die im Zentrum des christlichen Glaubens stehen. Mein Fokus liegt dort und nicht so sehr auf wundersamen Ereignissen, die sich in der Gegenwart ereignen, weil die Evidenzbasis für diese kleineren Wunder oft sehr dürftig ist. Nichtsdestotrotz bin ich durchaus davon überzeugt, dass auch heute noch Wunder geschehen.

Der schottische Philosoph und Skeptiker David Hume hat beispielsweise Wunder als „Verletzung der Naturgesetze“ definiert. Aber was heißt es hier, ein Naturgesetz zu „brechen“? Das ist eigentlich rechtlicher Jargon, wie er in Nordamerika viel verwendet wird. Dabei handelt es sich im Blick auf Wunder aber um ein einfaches Missverständnis zwischen Gesetzen in der Jurisprudenz und in der Wissenschaft. In den Naturwissenschaften sind die Naturgesetze unsere Kodifizierungen und Formulierungen dessen, was wir normalerweise beobachten. Sie verursachen nichts. Das ist der erste Fehler, den viele Leute machen. Newtons Gesetze können vorhersagen, dass ein Apfel normalerweise zur Mitte der Erde fallen wird, wenn ich ihn fallen lasse. Sie können aber nicht verhindern, dass jemand ihn auffängt. Mit anderen Worten, wir können in diesen Prozess eingreifen, ohne dabei Gesetze zu brechen. Wir führen dann lediglich einen neuen Faktor in die Gleichung ein. Newtons Gesetze haben in der gesamten Geschichte des Universums noch nie eine Billardkugel bewegt. Das tun Menschen.

Dann sind Naturgesetze eher so etwas wie Regelmäßigkeiten, die erklären, was passiert, wenn keine freie Handlung dazwischenkommt?

Ja, genau das ist der Punkt. Um das Übernatürliche erkennen zu können, müssen wir zuerst klären, was „natürlich“ ist. Es handelt sich bei Naturgesetzen nämlich nicht um rechtliche Gesetze, gegen die man verstoßen kann – und dann eine Strafe erhält. Das ist ein großes Missverständnis. Das heisst – Humes Definition von Wunder als „Verletzung der Naturgesetze“ war falsch.

C.S. Lewis hat dies schön illustriert: Wenn ich in einem Schweizer Hotel übernachte und am ersten Abend 100 Schweizer Franken in meine Schublade lege und am zweiten Abend weitere 100 Franken, dann befinden sich laut den Gesetzen der Arithmetik 200 Franken in der Schublade. Wenn ich am dritten Morgen aufwache und nur noch 50 Franken in der Schublade finde, was schließe ich daraus? Wurden die Gesetze der Arithmetik gebrochen oder die Gesetze der Schweiz? Klar – die Gesetze der Schweiz. Und wie wissen wir es? Weil die Gesetze der Arithmetik nicht gebrochen wurden.

Hume hat einen zweiten Fehler gemacht, den wiederum Lewis pointiert als „chronologischen Snobismus“ bezeichnet.

“Das ist die eigentlich relevante Frage: Gibt es mehr als Masse und Energie im Universum? Ist das alles, was existiert?”

JOHN LENNOX

Können Sie das erläutern?

Chronologischer Snobismus ist die Vorstellung, dass die Gegenwart der Vergangenheit grundsätzlich überlegen sei, weil wir aufgeklärt und wissenschaftlich denken. Hume und viele seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger, behaupten, dass die Leute zur Zeit des Neuen Testaments nur an Wunder glauben konnten, weil sie noch nichts von den Naturgesetzen wussten.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Genau wie wir wussten auch diese Menschen, was normalerweise in der Welt geschieht. Als Joseph herausfand, dass Maria schwanger war, wollte er sie verlassen. Wieso? Weil er sehr genau wusste, wie Kinder entstehen. Es bedurfte Gottes Eingreifens, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Ein anderes Beispiel ist die wunderbare Heilung eines blinden Mannes im Johannesevangelium: Der von Geburt an Blinde wird von den Pharisäern ausgiebig über seine Heilung befragt. Seine Antwort ist faszinierend: „Schaut her, seit Beginn der Welt hat man noch nie gehört, dass jemand, der von Geburt an blind war, sein Augenlicht wiedererlangt hat.“ Mit anderen Worten, er kannte sehr wohl die Regel, die die Ausnahme „wunderbar“ macht.

Wie würde man solche „wunderbaren“ Ereignisse aus christlicher Sicht deuten?

Es gibt ein ganzes Buch des Neuen Testaments, das das Leben Jesu aus der Perspektive von Wundern beschreibt, die eigentlich „Zeichen“ sind. Es ist das Johannesevangelium. Am Ende steht dort sogar „Jesus tat noch viele andere Zeichen“. Johannes stellt eine ganz klare Verbindungen her zwischen dem übernatürlichen Wirken Jesu und dem kommenden Reich Gottes. Seine Wundertaten waren also Zeichen des übernatürlichen Handelns Gottes, die in einem tieferen Sinne auf die Bedeutung und Wahrheit von Jesus Christus hinweisen. Beispielhaft ist das Ereignis im neunten Kapitel des Johannesevangeliums. Für einen Blinden, der von Jesus geheilt wird, weist seine Heilung auf einer höheren Ebene auch darauf hin, wer Jesus ist: das Licht der Welt. Wir lernen also durch den Zeichencharakter seiner übernatürlichen Handlungen – die man eben auch „Wunder“ nennen könnte – wer er tatsächlich ist.

Aus christlicher Sicht lässt sich die Sache also folgendermaßen zusammenfassen: Gott hat das Universum geschaffen, er selbst ist aber nicht einfach ein Teil des Universums. Das meinen Christen, wenn sie von Gottes „Transzendenz“ oder dem „Übernatürlichen“ reden. Gleichzeitig hat Gott die Welt mit bestimmten Regelmäßigkeiten eingerichtet, die wir erkennen, beschreiben und als mathematische Gesetze formulieren können.

Das Wissen darum, was „normalerweise“ geschehen sollte, erlaubt es uns überhaupt festzustellen, wenn Gott etwas Besonderes in der Welt vollbringt. Meiner Meinung besteht die größte Schwäche des Materialismus genau darin, dass er das Universum als geschlossenes System von Ursache und Wirkung betrachtet und damit die Naturgesetze missversteht. Dabei ist das Universum viel eher ein offenes System. Und wenn in diesem offenen System Wunder geschehen, dann weisen uns diese auf den tieferen Sinn des Lebens hin. Das zu verstehen ist für mich der Schlüssel, um über Wunder nachzudenken. Genauso verstehe ich die Wunder im Kern des christlichen Glaubens, die Wunder der Geburt, des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu Christi.

Wie sollten wir aus dieser Perspektive das Thema Wunder „wissenschaftlich“ angehen?

Es ist wichtig, zwei Fragen zu unterscheiden: Erstens, ob es philosophisch und logisch möglich ist, dass es überhaupt so etwas wie eine übernatürliche Dimension gibt – das heißt, dass Wunder geschehen können; und zweitens, ob die Evidenz für bestimmte Wunder glaubwürdig genug ist, um sie zu akzeptieren.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Und solange das erste nicht geklärt ist, stellt sich das zweite überhaupt nicht. Solange jemand die Vorstellung fix im Kopf hat, dass Wunder aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Gesetze der Natur unmöglich sind, wird sich diese Person gar nicht erst ernsthaft mit einzelnen Wundern beschäftigen. Wenn aber jemand versteht, dass sich Wunder eben nicht prinzipiell und schon gar nicht „wissenschaftlich“ ausschließen lassen, dann kann man über die Evidenz einzelner Ereignisse reden.

Hume hatte behauptet, es gäbe keine Evidenz, beispielsweise für die Auferstehung Jesu von den Toten. Diese Behauptung ist aber unbegründet. Denn wenn man das wirklich wissenschaftlich begründen möchte, müsste man überall auf der Welt jedes Grab seit dem Anbruch der Menschheitsgeschichte beobachtet haben. Erst dann könnte man mit Gewissheit sagen, dass die Auferstehung empirisch ausgeschlossen ist. Selbstverständlich kann das aber niemand tun. Man könnte die Sache höchstens statistisch angehen. Ich stelle mir das etwa so vor: Wir geben 100 Leuten eine Taschenlampe, ein Notizbuch und einen Schlafsack und schicken sie auf verschiedene Friedhöfe, wo sie eine Woche lang bleiben. Dort beobachten sie, ob sie jemanden von den Toten auferstehen sehen oder ob sie irgendwelche Beweise für ein derartiges Ereignis finden. Vermutlich kommen sie alle ohne einen solchen Beweis zurück. Was können wir daraus folgern? Statistisch gesehen wird unsere Studie ergeben, dass Auferstehungen höchst unwahrscheinlich sind – natürlich sind sie das! – aber nicht unmöglich. Das ist ein Schritt zu weit. Das können wir, streng wissenschaftlich, gar nicht sagen.

Dann sind die Naturwissenschaften durch festgelegte Annahmen limitiert? Was folgt daraus?

Es braucht eine vorsichtige Art, an die Naturwissenschaften heranzugehen und ihre Ergebnisse zu interpretieren. Eine Art, die ihrer eigenen Anlage gerecht wird. Die Grundregel der heutigen Naturwissenschaften ist der so genannte „methodologische Naturalismus“. Ein solcher verlangt von den Wissenschaftlern, Erklärungen in der uns umgebenden Welt auf der Grundlage dessen zu suchen, was sie beobachten, testen, replizieren und verifizieren können. So problematisch die Begrifflichkeit auch sein mag, als Vorgehensweise ist diese Methode äußerst fruchtbar für die wissenschaftliche Erkenntnis. Das wirkliche Problem entsteht dort, wo diese Methode zur Weltanschauung wird. Viele Menschen arbeiten immer noch unter der Vorstellung, dass Wissenschaft eigentlich angewandter Naturalismus sei – das ist eine Weltsicht, für die alles, was es gibt, „natürlich“ sein muss (es also nichts Übernatürliches geben kann) und deshalb restlos alles in den Bereich wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis fällt. Man muss hier von einer „Wissenschaftsgläubigkeit“ reden, das heisst von der Vorstellung, dass die Methodik der Naturwissenschaften der einzige Weg zur Wahrheit sei. Eigentlich ist das eher so etwas wie ein „wissenschaftlicher Fundamentalismus“, womit Glaubensaussagen über die Wirklichkeit verbunden sind. Das hat sehr wenig mit sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit zu tun. Es stellt sich die Frage, ob die Wissenschaft wirklich bereit ist, der Evidenz dorthin zu folgen, wo sie hinführt. Wenn der Naturalismus oder auch ein Materialismus einfach a priori vorausgesetzt wird, dann folgt die Wissenschaft der Evidenz nur dorthin, wo sie zu einer materialistischen Lösung führt. Der Grund dafür liegt sehr häufig darin, dass auf keinen Fall ein göttlicher Fuß in der Tür zugelassen werden darf. Deshalb haben vermeintlich wissenschaftliche Schlussfolgerungen, etwa dass es keinen Gott geben kann, häufig mehr mit ihren Glaubensvoraussetzungen zu tun, als mit den tatsächlichen Ergebnissen der Forschung.

Christen glauben dagegen, dass Gott alles erschaffen hat, einschließlich der Naturgesetze. Bedeutet dies, dass Gott immer schon in der Welt am Werk ist?

Er hat sie geschaffen und erhält sie. Was das aber bedeutet, ist fast unmöglich zu sagen. Insgesamt wissen wir schlicht sehr viele Dinge nicht: Was sind wir Menschen? Was ist Bewusstsein? Was ist Leben? Wir haben noch nicht einmal eine Ahnung, was genau geschieht, wenn ich mich entscheide, meine Hand zu bewegen und dann eine Handlung ausführe. Wenn wir solche grundlegenden Dinge nicht mit Gewissheit verstehen, dann müssen wir sehr behutsam und vorsichtig sein, ich würde sogar sagen: Wenn wir darüber nachdenken, wie Gottes Wirken in der Welt funktioniert, dann brauchen wir dabei sehr viel Demut. Das bedeutet nicht, dass wir uns darüber keine Gedanken machen sollen, aber wir sollten nicht überrascht sein, wenn unser Verständnis hier an der Oberfläche bleibt oder sogar grundsätzlich an Grenzen stößt.

“Das Universum ist wie ein offenes System. Und wenn in diesem offenen System Wunder geschehen, dann weisen uns diese auf den tieferen Sinn des Lebens hin.”

JOHN LENNOX

Sie haben vorher Newton erwähnt, dessen Apfel normalerweise vom Stamm fällt, wenn er nicht von einem Menschen aufgefangen wird. Das ist ein Bild von einer Wirklichkeit, in der Menschen frei sind, einzugreifen und etwas zu verändern. Stellen sich Christen das Handeln Gottes auch so vor?

Das ist eine philosophisch und theologisch äußerst komplexe Frage, über die sehr viel geforscht und gestritten wurde. Ich werde diese Probleme hier natürlich nicht lösen können. Aber ich habe ein großes Vertrauen zur Bibel, auch wenn ich dort vieles nicht verstehe. Die Bibel beschreibt uns einen Gott, der außerhalb und innerhalb der Welt wirkt und handelt.

Hier müssen wir zwei Ebenen unterscheiden: Glauben und Verstehen. Manchmal ist es einfacher, etwas zu glauben, als es zu verstehen. Sogar vermeintlich einfache Aussagen wie „Gott sprach: Es werde Licht“ sind sehr schwierig zu verstehen. Ich meine, was passiert da im ersten Buch der Bibel genau? Gott hat keine Stimmbänder wie wir, wie soll er sprechen? Und wenn er nicht wie wir spricht, wie müssen wir dann diese metaphorische Aussage deuten? Und jetzt öffnet sich die Büchse der Pandora: Was ist denn eine Metapher? Wiederum ist C.S. Lewis hilfreich, der sagte: Metaphern werden verwendet, um die Realität zu beschreiben. Gott hat zwar keine Stimme (in unserem Sinne), aber er kann wirklich kommunizieren und erschaffen.

Das ist das Problem von „wortwörtlichen“ Auslegungen der Schrift. Überhaupt ist das ein schwieriger Begriff. Viele Menschen denken, Metaphern seien weniger real als „wörtliche Rede“. Aber nehmen wir ein Beispiel: Im Johannesevangelium sagt Jesus „Ich bin die Tür“. Ist er also aus Holz oder Stahl gemacht? Natürlich nicht. Die Aussage ist nicht wortwörtlich gemeint, aber dennoch ist Jesus, aus christlicher Sicht, die Tür zur Erfahrung Gottes.

Wenn ich vom Handeln Gottes rede, dann würde ich also – behutsam – sagen: Gott lässt etwas einfließen, was wir nicht unbedingt erwartet hätten, wenn wir mit dem „normalen“ Verlauf der Natur in einem Bereich rechnen.

Gibt es dafür ein gutes Beispiel?

Ein Beispiel finden wir gleich auf den ersten Seiten des Lukasevangeliums. Lukas lässt das Evangelium mit dem frommen Priester Zacharias beginnen. Als diesem ein Engel im Tempel verkündet, er werde ein Kind bekommen, war er sehr beunruhigt und antwortet mehr oder weniger: „Nein, das kann nicht sein, dafür bin ich zu alt.“ Er wusste also, wie alle Menschen damals, dass Menschen ab einem gewissen Alter keine Kinder mehr bekommen können.

Der Evangelist Lukas war vermutlich Arzt und damit der einzige quasi wissenschaftlich ausgebildete (aber nicht in unserem modernen Sinne von Wissenschaftlichkeit) Autor des Neuen Testaments. Er ist sich des medizinischen Problems dieser Geschichte sehr wohl bewusst. Trotz dieses Erfahrungswissens schreibt er das Lukasevangelium und erwähnt gleich zu Beginn diese wundersame Geburt.

Glauben Sie, solche speziellen Dinge geschehen auch heute noch? Was halten Sie von Heilungswundern, Spontanheilungen?

Ich habe mit vielen Ärzten gesprochen. In den meisten Fällen sind die Beweise dafür uneindeutig und umstritten. Obwohl ich selbst keinen Zweifel daran habe, dass Gott auch heute Menschen heilen kann und auch heilt, ist trotzdem die Beweislage dafür nicht auf demselben Niveau wie im Falle der Wunder in den Evangelien. Es scheint sich hier schlicht um eine andere Kategorie zu handeln.

Gleichzeitig gibt es in diesem Zusammenhang auch viel Missbrauch. Ich selbst hatte mit vielen Menschen zu tun, die an Heilungsversprechen geglaubt haben, nicht geheilt wurden und deshalb in ihrem Glauben erschüttert wurden – oder ihn sogar ganz verloren haben. Deswegen bin ich aus pastoralen Gründen etwas zögerlich in diesem Bereich.

Aber trotzdem gehen Sie davon aus, dass heute noch Wunder geschehen?

Absolut! Eines der größten Wunder ist das Evangelium Christi und seine Wirkung auf Menschen. Ich habe in meinem Leben viele Studenten mit Herausforderungen begleiten dürfen. Manchmal waren sie drogenabhängig, ihre Beziehungen waren zerbrochen und einige waren sogar suizidal. Und dann traf ich sie nach ein paar Monaten wieder und sie hatten sich völlig verändert, sie waren wie neue Menschen. In einigen Fällen konnten sie sich von den Drogen lösen, in anderen Fällen waren ihre Beziehungen wiederhergestellt. Wenn ich sie frage, was mit ihnen passiert ist, dann sagen sie mir, sie hätten eine Gottesbegegnung gehabt. Für mich ist das höchst beeindruckend, denn solche Veränderungen des Lebens ins Gute sind keine geringe Sache, sie geschehen eigentlich nicht oft.

Wenn also jemand meint, das Christentum sei unwissenschaftlich, weil man es nicht „testen“ kann, dann ist das blanker Unsinn. Natürlich kann man den christlichen Glauben testen: Ich selbst wäre kein Christ, wenn ich nicht, erstens, meinen Glauben in eigener Erfahrung getestet und, zweitens, wenn ich nicht immer wieder gesehen hätte, dass er auch im Leben anderer funktioniert. Aus meiner Sicht sind solche Lebensveränderungen tatsächliche Wunder im strengsten übernatürlichen Sinn.

Beweise für Wunder oder für das Übernatürliche können nicht aus den Naturwissenschaften, wohl aber aus der Erfahrung kommen. Damit beschäftigen sich aber andere akademische Disziplinen: Geschichte und Psychologie. Sofern diese nicht auch gewissen Vorurteilen unterliegen, können wir aus ihnen viel lernen.

Das wäre wohl Stoff für ein weiteres Gespräch. Vielen Dank!

 OLIVER DÜRR & NICOLAS MATTER.

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John Carson Lennox, ist emeritierter Professor für Mathematik an der Universität Oxford und Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Naturwissenschaft und Religion. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher über Religion, Ethik und die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und den Glauben an Gott. Bekanntschaft erlangte er vor allem durch seine öffentlichen Debatten mit Atheisten wie Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Peter Singer.