Wieder gut machen?
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Wieder gut machen?

Mit 38 Jahren wurde Rudolf Szabo wegen mehrfachem Bank- und Postraub, Geiselnahme und versuchter Tötung zu neun Jahren Haft verurteilt. Zurecht, wie er heute sagt. Eine Begegnung mit einem ehemals Schwerkriminellen.

Das Porträt von Rudolf Szabo ist im März 2020 in der Ausgabe Nr. 12 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

„Ich war ein Ekel, ich muss da ehrlich sein.“ Rudolf Szabo ist heute 60 Jahre alt. Der großgewachsene und starkgebaute Mann trägt sein Haar nach hinten gegelt, um seinen Hals baumelt an einem goldigen Kettchen eine Lesebrille. Genau so könnte man sich einen Schwerverbrecher vorstellen. Nur, böse wirkt er gar nicht. Die tiefe Stimme erklingt im Ostschweizerdialekt wohlig und sogar liebenswürdig. „Ich war überhaupt nicht fähig, Verantwortung zu übernehmen“, fährt er fort. „Und bodenlos naiv war ich auch.“

Szabo ist gebürtiger Wiener mit ungarischen Wurzeln, wuchs aber in der Schweiz auf. Im Militär diente er als Grenadier-Unteroffizier. Ende der 80er-Jahre gründete er zusammen mit seiner Frau eine Familie mit fünf Kindern und machte sich als Bauunternehmer selbstständig. „Es ging immer aufwärts und ich machte meine Arbeit gut“, erinnert er sich. Bald schon hatte er ein kleines Unternehmen mit bis zu zehn Angestellten. Doch es zeichneten sich auch Probleme ab. Szabo hatte zwar handwerkliche Begabungen, vernachlässigte die Büroarbeit der Firma jedoch kläglich. Hinzu kamen Schwierigkeiten in der Ehe, die zunehmend zu eskalieren drohten. Als er dann im Zuge der Bankenkrise 1994 innerhalb von drei Monaten ein Darlehen von 300 000 Franken hätte zurückzahlen müssen und gleichzeitig wegen der schlechten Auftragslage seinen Arbeitern den Lohn nicht mehr zahlen konnte, spitzte sich die Situation zu. Seine Frau, die sich inzwischen andere Liebhaber suchte, verlangte nach der Scheidung und die Bank nach Geld. „Das Geschäft und die Familie lagen im Eimer, dabei waren das doch meine zwei großen Identifikationen. Ich konnte diese berufliche und private Niederlage nicht eingestehen“, erzählt Szabo. Kurz überlegte er sich gar, seine Frau umzubringen, zum Glück regte sich allerdings noch „ein Funken Verstand in der Birne“. Doch ein anderer Gedanke kam: Sich das Geld bei der Bank einfach selbst holen.
 

„Ich war überhaupt
nicht fähig,
Verantwortung zu übernehmen.
Und bodenlos naiv
war ich auch
.

TATEN MIT WEITREICHENDEN FOLGEN 

Ich könnte diesen Schlipsträgern noch heute die Fresse polieren.Szabo entwickelte eine große Wut auf seine Bank, die sich ihm gegenüber ungerecht zu verhalten schien. Ich begann all meine Probleme auf die Bank und deren System zu schieben, in meinen Vorstellungen waren sie quasi das Urproblem, versucht Szabo seine damalige Rechtfertigungsargumentation zu schildern. Er schüttelt den Kopf: Da kam das Krankhafte und Kriminelle ins Spiel.Szabo heuerte seine jungen Bau-Angestellten an und plante mit ihnen minutiös den ersten Überfall. Der Liebhaber seiner Frau, ebenfalls ein Bauunternehmer, im Gegensatz zu Szabo aber erfolgreich, musste dran glauben. Der Nebenbuhler landete mit mehrfachem Kieferbruch und halb zu Tode geprügelt im Spital. Doch, da er fast kein Geld bei sich hatte, war dieser Überfall für die Täter wenig lukrativ. Es musste etwas Gröberes her. Da seine persönliche Bank nach intensiver Observation für einen Überfall nicht geeignet schien, suchten Szabo und seine Komplizen nach kleineren Postfilialen mit integrierten Bankschaltern in ländlichen Regionen. Es war wichtig, dass es im Umfeld von fünf Autofahrminuten keine Polizeistation gab, das war unser Kriterium, erinnert er sich. Schließlich fiel die Wahl auf eine Filiale in Hittnau im Zürcher Oberland.

Am 1. Dezember 1995 kam es kurz vor Feierabend zum Übergriff. Bewaffnet und mit übergezogenen Sturmmasken drangen Szabo und seine Männer über eine Hintertüre in das Postgeschäft ein. Zufälligerweise befand sich gerade die Frau des Filialleiters mit zwei kleinen Kindern im Flur. Kurz regte sich das Gewissen: Diese Kinder waren im gleichen Alter wie die meinen. Ein schneller Gedanke sagte mir: mach es nicht. Doch es war zu spät, es gab kein Zurück mehr.Szabo packte das fünfjährige Mädchen, hielt ihr den Pistolenlauf an die Schläfe und erzwang damit die Herausgabe von 100 000 Franken. Heute weiß er, dass er in diesen vier Minuten des Raubüberfalls ein Leben zerstört hat. Das kleine Mädchen musste kinderpsychiatrisch betreut werden, begann alle feste Nahrung zu verweigern. Mit 16 Jahren erkrankte es wieder und kämpfte jahrelang gegen Anorexie. Szabo wird später in einer Gegenüberstellung mit ihrer Mutter erfahren, dass sie diese Krankheit ein Leben lang begleiten wird. 

„Ein schneller Gedanke sagte mir:
mach es nicht.
Doch es war zu spät,
es gab kein Zurück mehr
.

OHNE JEGLICHE EMPATHIE 

Trotz dieser einschneidenden Erfahrung in Hittnau planten Rudolf Szabo und seine Komplizen weitere Überfälle. War doch das Geld schnell aufgebraucht und die inneren Bilder aus der Postfiliale mehr oder weniger erfolgreich verdrängt. „Ich hatte jegliche Empathie verloren und brauchte das Geld, also schlugen wir sofort wieder zu, berichtet Szabo. Zuerst die Poststellen in Elgg und Grüningen, dann die Migros in Männedorf, der Coop in Uetikon und die Postbank in Embrach alles innerhalb von drei Monaten. An letzter Station stellt sich die stellvertretende Filialleiterin mutig als Schutzschild zwischen Szabo und den restlichen Postmitarbeitern, verlangt, dass er bitte nur auf sie schießen soll und nicht auf ihre Mitarbeiter. Das irritierte mich, doch glücklicherweise blieb ich ruhig, erinnert er sich. Nur wenige Tage später erlitt diese stellvertretende Filialleiterin, wohl gezeichnet vom Schockerlebnis, zuhause einen Hirnschlag und ist seither körperlich gelähmt.

Von all dem wusste Szabo lange nichts. Nach den sieben Raubüberfällen floh er nach Deutschland, tauchte unter. Seine Komplizen taten dies nicht, einer von ihnen wurde in Winterthur in eine Schlägerei verwickelt und durch Kommissar Zufall, wie es Szabo nennt, konnte ihm eine Verbindung zu den Überfällen nachgewiesen werden. Damit war die Sache gelaufen.Bei seiner Rückkehr in die Schweiz wurde auch er verhaftet. Szabo: „Für mich war es eigentlich eine Befreiung. Und ich wusste, dass ich mich für mein Tun zu verantworten habe.Er gestand alle Taten und zeigte sich kooperativ. Ich dachte an meine Kinder und gab mir deswegen Mühe, erinnert er sich an die Zeit in Untersuchungshaft. Die Anklage lautete wegen der Schwere seiner Delikte, besonders wegen der Geiselnahme des fünfjährigen Mädchens und der versuchten Tötung am Liebhaber seiner Frau, auf 12 Jahre. Schließlich wurden ihm leichte psychische Defizite attestiert und so verurteilte ihn das Kantonsgericht im August 1998 zu neun Jahren Zuchthaus.

Schon in der Untersuchungshaft plagten mich Schuldgefühle.“ Ein psychiatrisches Gutachten über seine Persönlichkeit rüttelte ihn stark auf. Zum ersten Mal konfrontierte ich mich mit einer Außenwahrnehmung und war schockiert. Ich war ein egoistisches Schwein, bekennt Szabo ehrlich. Er willigte in eine Therapie ein und nahm auch die Gefängnisseelsorge in Anspruch, versuchte sich gedanklich in die Situation seiner Opfer zu versetzen. Im Rahmen einer Aufarbeitung schrieb er all seinen Opfern einen persönlichen Brief und bat um Vergebung. Nicht alle antworteten ihm. Man erhofft, dass einem vergeben wird. Erwarten darf man es aber nie. Jedes meiner Opfer hat das Recht, mir nicht zu verzeihen, sagt er dazu. Auch gegenüber seiner Familie kamen Schuldgefühle auf. Seine Kinder wurden in der Schule wegen ihres Vaters gemobbt, der älteste Sohn versuchte sich deswegen mit 12 Jahren das Leben zu nehmen, ein anderer Sohn hatte Probleme mit Drogen. Die Liebe zu meinen Kindern half mir, mich im Gefängnis korrekt zu verhalten, sagt Szabo. Als ihm Mithäftlinge einen Job als Zuhälter anbieten, lehnt er ab. Schlussendlich wird er nach sechs Jahren aufgrund guter Führung in die Freiheit entlassen. 

„Ich war ein Ekel,
ich muss da ehrlich sein
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WIEDERGUTMACHEN 

Noch während seines Gefängnisaufenthalts bemühte sich Rudolf Szabo um Wiedergutmachung seiner Taten. Als Insassenratveranlasste er, dass die Häftlinge tatkräftig als Katastrophenhilfe bei einer Überschwemmung und bei Aufräumarbeiten beim Jahrhundertwindsturm Lotharmithalfen. Das hat meinen Opfern nicht geholfen, dafür anderen.“ Nach seiner Freilassung machte er eine Ausbildung zum Arbeitsagogen und Konflikt-Trainer, arbeitete jahrelang mit straffälligen jungen Erwachsenen und begleitete sie in die berufliche Integration. Er versuchte auch bei seinen eigenen Kindern wieder ein präsenter Vater zu sein, half ihnen zum Teil beruflich auf die eigenen Beine zu kommen. Ich konnte viel Verpasstes wieder nachholen.Zusammen mit dem ehemaligen Postfilialleiter von Hittnau, dem Vater des kleinen Mädchens, besuchte er gar Gefängnisse, wo die beiden anhand ihrer Geschichte den Straftätern Opfer-Täter-Gespräche vorlebten. Die Rückzahlung seiner Schulden wird ihn wohl bis an sein Lebensende befassen.

Doch all das, auch die Zeit im Knast, wiegt meine Schuld nicht auf.Rudolf Szabo ist sich klar, dass er seine Taten nie wieder vollständig gutmachen kann. Er hofft auf Vergebung und weiß, dass dies möglich sei. Der Gefängnisseelsorger habe ihm einmal gesagt: Was man sät, wird man ernten. Szabo: Ich versuche nun einfach, ganz viel Gutes zu säen.“ 

MARTIN ITEN

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