Melchior Magazin | Wenn Verantwortung Liebe trifft
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Wenn Verantwortung Liebe trifft

Im Gespräch mit der Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über kühne Sätze, die Qual, man selbst zu sein, und die Spannung alles Lebendigen.

Das Gespräch ist im März 2020 in der Ausgabe Nr. 12 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Sie sind Philosophin. Was ist überhaupt Philosophie?

Gerl-Falkovitz – Wenn man in Bayern Weißwürste kauft, liegt noch so ein „Metzgerblättchen für Hausfrauen“ auf der Theke. Darin ist zu lesen: „Philosophie heißt, so lange über das Unbegreifliche reden, bis es zum Unverständlichen geworden ist.“ Tatsächlich geht es in der Philosophie zum Teil um das Unbegreifliche, aber ihre Hauptaufgabe wäre eben, es nicht zum Unverständlichen zu machen. Grundsätzlich sind Fragen, die von der Alltagsbeobachtung her beginnen, so auszufalten, dass sichtbar wird, was sich dem allerersten Blick entzieht. Mich kennzeichnet meine Herkunft aus der Phänomenologie: Zuerst einfach mal beschreiben, was ist. Im Beschreiben selbst, das glaubt man gar nicht, tun sich ganz große Tiefen auf. Man kann eigentlich von jeder Stelle der Wirklichkeit, von jeder Stelle der Erdoberfläche zur Erdmitte bohren.

Wie würden Sie jemandem in Kürze erklären, was Verantwortung ist?

Vom Wort her steckt das „Antwortgeben“ darin. Aber worauf? Im Grunde Antwort geben auf die Frage, die mir ein anderer stellt. Es kann die Antwort auf eine Not, ein Bedürfnis, aber auch auf ein Wachsenwollen sein. Sich selbst gibt man ja meistens nicht die besten Antworten. Von daher hat der Rat von außen manchmal Durchbruchscharakter. In Kürze: das Leben eines anderen an sich heranlassen im Sinne einer Hilfestellung, eines Entbindens.

In einem Vortrag meinten Sie einmal: „Nur von Freiheit her kann überhaupt Verantwortlichkeit gefordert, aber auch Selbstbestimmung möglich werden.“ Können Sie diese Aussage etwas näher erläutern?

Der erste Teil ist auf jeden Fall klar. Ich kann niemandem helfen, wenn ich selbst deutlich in Unfreiheit bin. Freiheit ist immer Selbsthabe und Selbstgabe. Wir kennen Menschen, in deren Nähe man sich unfrei vorkommt: Man beginnt seine Worte zu überlegen, was man überhaupt sagt; manche Themen schneidet man gar nicht an, weil der andere sofort empfindlich reagieren würde. Jemand, der selbst unfrei ist, zwingt den anderen, ebenfalls unfrei zu reagieren.

Und jetzt das Positive: Es gibt Menschen, in deren Umgebung man sofort frei wird. Man hat nicht das Empfinden, dass man sich einschränken, bestimmte Haltungen annehmen oder etwas beweisen muss. Es ist die Erfahrung, jemand ist selbst so frei, dass er andere auch frei macht, noch bevor er überhaupt etwas sagt, rein von der Haltung her. Und ich darf diese Erfahrung gleich religiös formulieren, auf die christliche Gotteserfahrung hin. Wir haben oft das Gefühl, wir müssten uns Gott mit einem Katzenbuckel nähern, aus der Verkrümmung heraus, müssten uns ein bisschen klein machen, und netterweise beschäftigt er sich dann auch mit uns. Ein kühner Satz von Thomas von Aquin lautet hingegen: Gott ist so frei, dass er nur Freie um sich duldet. Man kann mit ihm nur in Kontakt kommen, wenn man dieses ganze Kleinliche, Ängstliche, dieses „Ja aber“ und „Entschuldigen Sie“ ablegt und, ja, seine ganzen Untiefen öffnend zu ihm tritt und dabei wird man immer aufrechter. Das ist eine unglaublich schöne Erfahrung. Und jetzt bin ich bei der Verantwortung. Verantwortung heißt: jemanden in Freiheit setzen, jemanden zu sich selbst ermutigen. Nicht herablassend oder gönnerisch, sondern so, dass derjenige, der sich mir anvertraut, wachsen kann.

Nietzsche hat in seinen Notizen vermerkt: „Wir sind aber frei. Aber was wisst ihr von der Qual der Verantwortlichkeit gegen sich selbst.“

Ach, schön.

„Man kann eigentlich von jeder Stelle der Erdoberfläche
zur Erdmitte bohren.“

Worin besteht Ihrer Ansicht nach die von Nietzsche angesprochene Qual, man selbst zu sein?

Die Verantwortung gegen den anderen kann ich mit langem Arm oder auch mit kurzem Hebel „erledigen“. Wenn es mir zu viel wird, könnte ich sie theoretisch abgeben. Mir selbst hingegen kann ich ja überhaupt nicht ausweichen. Nietzsche ist ein Pfarrerssohn, und seine Hassliebe zum Christentum kennzeichnet sein ganzes Leben. Ich will mal etwas Kühnes sagen: Diesen intensiven Begriff von Verantwortung, auch sich selbst gegenüber, gibt es eigentlich nur im Christentum, jedenfalls reflektiert. Und zwar deswegen, weil im Christentum die Ich-Position so unglaublich gestärkt wird. Es gibt Religionen, in denen es eher um ein „Wir“ geht – Sippe, Blut, Verbindung, Kaste -, und wo der Einzelne eine untergeordnete Rolle spielt. Romano Guardini hat gesagt, die Innerlichkeit sei eine Entdeckung des Christentums. Ich kann mich einem Gesetz entsprechend verhalten, habe aber damit noch keine Innerlichkeit. Diese Sicht beginnt schon bei der Bergpredigt, die eine Tun-Ethik ist. Ich soll nicht bloß etwas weglassen, sondern in einer Situation begreifen, wie ich in Verantwortung trete, wie ich Antwort gebe. Ich soll den andern sogar lieben. Das macht die Aufgabe unerhört groß. In dem Sinn ist die Tun-Ethik unglaublich viel fordernder als die Ethik des Unterlassens. Denn im Tun gibt es keine Vorschrift. So komme ich plötzlich in mein Forum internum. Ich werde mein eigener Richter. Vorher haben mich die anderen gerichtet, aber das ist ja nicht so schwierig, weil ich, wenn ich nach außen nichts tue, auch keine Schuld habe. Im Grunde habe ich äußerlich gehorcht, bin aber nicht in meine eigene innere Welt eingedrungen. Aber wenn ich mich selbst richte, komme ich aus der Schuld ja nicht heraus, denn ich kenne meine finsteren Gedanken.

Ich denke, Nietzsche spricht von diesem Sich-selbst-stellen-Müssen und Bis-zur-Qual-Merken, dass man den eigenen Ansprüchen nicht genügt. Das ist die eine Seite. Man könnte aber auch noch tiefer sagen, dass ich im Grunde in der Lage bin, bis zur Selbstverletzung meine eigene Vitalität zu unterlaufen – dass ich das gleichzeitig weiß und es doch nicht abstellen kann. Es ist der Moment, wo jemand in eine Sucht abrutscht. Da sehe ich so eine Qual. Es müsste noch nicht zwingend Qual sein, wenn ich nicht gleichzeitig den Maßstab hätte, was eigentlich gesund, vital, mit sich selbst zufrieden sein heißt. Letztlich ist eine solche Not aber nur in einer Kultur dieser Ichwerdung so stark ausgeprägt. Überhaupt „Ich“ zu sagen, ist ja eine gewisse Anmaßung. Wenn ich Mitglied einer Gesellschaft bin, die mich als Ich gar nicht entwickelt oder entfaltet, glaube ich nicht, dass diese Qual auftritt. Da gibt es die Qual von außen, die des Eingepasst-Werdens.

Eine Kollegin, die in Japan unterrichtete, hat mir erzählt, dass es im Alt-Japanischen für die Frau kein Wort für „ich“ gibt. Der Mann sagt schon „ich“, aber die Frau sagt es in verschiedenen Weisen, je nachdem, mit wem sie spricht. Dem Vater gegenüber bezeichnet sie sich anders als dem Mann oder dem ältesten Sohn gegenüber, und einem Dritten gegenüber hat sie nochmals ein anderes Wort. Also ist sie vielfach aufgeteilt und muss je nach Lage einen anderen Ausdruck verwenden. Ihr Ich ist nur eine Spiegelung dessen, mit dem sie gerade redet.

Wir denken bei vielem, das wir diskutieren – Freiheit, Verantwortung –, das werde bei allen Religionen und Kulturen einheitlich behandelt. Das stimmt nicht. Das Wort Freiheit zum Beispiel taucht ganz spät auf. Es gibt Sprachen, die das Wort bis heute nicht kennen, es sei denn als Import. Das war eine meiner entscheidenden Entdeckungen auch in der Religionswissenschaft, dass Religionen über manches gemeinsam sprechen, aber in der differenzierten Begrifflichkeit ganz große Unterschiede aufweisen.

Sie haben die unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen angesprochen, die das jeweilige Verständnis von Verantwortung prägen. Wie sieht die Wahrnehmung über die Generationen hinweg aus?

Wir verurteilen gewisse Handlungen unserer Vorväter intensiv, ohne in ihrer Situation zu sein. Was die übernächste Generation über uns sagt, vermutlich nichts Gutes, möchte ich gar nicht wissen. Wir stehen auf einem begrenzten heutigen Niveau von Verantwortung und vieles Bedrängende blenden wir aus. Es stellt sich schon die Frage, ob dieses Niveau ausreichend ist. Ein schönes Beispiel ist Odysseus, der nach Hause kommt nach seiner Irrfahrt und bei sich das Haus voll mit diesen idiotischen Freiern findet. Er haut sie alle zum Tempel hinaus. Anschließend nimmt er sich die Mägde vor, die eigentlich keine spezifische Schuld haben, und „hängt sie auf wie die Wachteln“, heißt es bei Homer. Keine dieser Mägde war besonders beteiligt, aber sie waren Teil des Szenarios und das Szenario wird abgeräumt, gleichgültig, ob eine persönliche Schuld vorlag oder nicht. Odysseus macht tabula rasa. Punkt. Subjektiv empfindet er dabei kein Schuldbewusstsein. Der russische Philosoph Solowjow meinte, es sei erstaunlich, dass selbst bei Odysseus, einem für die Antike unglaublich sensiblen und feinnervigen Mann, das Töten Unschuldiger eigentlich kein Problem ist. Für Verantwortung im heutigen Sinne sieht man, dass für Schuld und Unschuld zunächst einmal die kulturelle Unterscheidungsgabe wachsen muss, sodass man allgemein differenzierter, genauer und empfindlicher urteilt. Wie differenziert sind wir heute in der Lage, Recht und Unrecht zu beurteilen und unser eigenes Mitspielen darin zu sehen? Das wäre sogar eine Voraussetzung von Verantwortung: kluge Lagebeurteilung und Einschätzung der eigenen Kräfte.

„Verantwortung heißt:
jemanden in Freiheit setzen,
jemanden zu sich selbst
ermutigen.“

Sie sprechen viel von der Verantwortung im Zusammenhang mit Begegnung. Gibt es für den Menschen als Beziehungswesen denn gar kein Außerhalb der Verantwortung?

Doch, das würde ich schon abgrenzen. Natürlich sind wir Beziehungswesen: „animal rationale – animal relationale“ finde ich ein schönes Wortspiel. Vernünftig sind wir allerdings nicht immer. Aber für jede dieser grundsätzlichen Haltungen gibt es Abwege, auch für Beziehung. Ich nenne ein Beispiel aus Charles Dickens, den ich immer gerne gelesen habe. Es gibt eine Frau in dem Roman „Bleakhouse“ (19. Jahrhundert, England ist Kolonialmacht), sie hat 7 oder 8 Kinder, vermutlich hat sie selbst keinen Überblick mehr, benutzt aber ihre älteste Tochter dafür, um beständig Briefe zu schreiben an Ausschüsse, um für Kinder in Afrika Schulen zu bauen, Decken zu besorgen und irgendwelche Milchpulver hinzuliefern. Dickens schildert das meisterhaft. Es ist ein absolutes Tohuwabohu in dieser Familie, die Kinder kriechen am Boden herum, können selbst nicht lesen, aber die Mutter kümmert sich um Schulen irgendwo. In diesem Irrweg ist Verantwortung natürlich Fernstenliebe – nur nicht im eigenen Haushalt und am wenigsten innerhalb der eigenen Familie. Simone Weil hat gesagt, Sozialismus sei die subtile Versuchung des Christentums. Ganz subtil. Nämlich als Versuch, Strukturen zu schaffen, in denen es allen Leuten gut geht, ohne selbst direkt hinzulangen und im Grunde das konkret Unerträgliche auszuhalten. In jeder Familie gibt es Dinge, die ich nicht über Strukturen lösen kann, sondern wo ich mich selbst reinbuttern muss. Es gibt die Tendenz, sich um ganz viele Dinge zu kümmern, aber nicht um dasjenige, was eigentlich nur ich lösen könnte. Das heißt Verantwortung entleeren. Man müsste also nochmals Stufen der Verantwortung unterscheiden. Die fernste Verantwortung ist die am fernsten liegende, würde ich sagen.

Aber kann ich letztlich nicht nur verantwortlich sein für das, was ich wähle? Deshalb kann ich auch einem anderen Verantwortung nicht aufschwatzen. Ich kann nicht für jemand anderen sagen: „Du bist verantwortlich“. 

Das müsste man untersuchen. Jedenfalls gibt es bestimmte Entwicklungen im eigenen Leben, die zwangsläufig – und nicht nur wahlweise – „Verantwortung“ heißen. Nehmen wir mal an, ich liebe jemanden. Der Satz „Ich liebe dich“ heißt eigentlich implizit, dass ich Verantwortung übernehme. Dadurch, dass ich dich liebe, ist mir nichts gleichgültig von dem, was du tust, sonst widerspreche ich mir. Inter-esse heißt ja im Deutschen „ich bin dazwischen“, und Liebe ist ein unglaubliches Inter-esse. Aufgrund meiner Liebe funke ich ja in ein anderes Leben rein. Und wenn er sagt, das will ich nicht, dann muss ich mich zurückhalten, aber wenn er mich nicht wegschickt, dann bin ich schon durch meine Liebe involviert. Neutralität ist kein Ausdruck von Liebe. Der Augenblick, wo die Verantwortung unabweisbar wird – nicht unbedingt zwischen Erwachsenen, die können sich ja mit anderen Mitteln noch schützen voreinander -, ist dann, in dem ein Kind geboren wird. Da ist einfach das Faktum des Kindes eine absolute Verpflichtung. Und absolut meint: Ein Neugeborenes ist von einer Hilflosigkeit, die mich sofort unter Zwang setzt. Hans Jonas nimmt in „Prinzip Verantwortung“ das Beispiel vom Schrei des Neugeborenen. In der Hilflosigkeit des Geboren-Seins liegt bei ihm der Ausgang aller Ethik, die Grundlage für das Sollensprinzip überhaupt. Da kann ich nicht sagen, das geht mich nichts an. Ich kann es schon sagen, aber das ist dann eine extreme Form von Verweigerung des Gesollten.

„Eine Stärke bleibt nur stark,
wenn sie ihr Gegenteil übt.“

Es gibt ja auch falsche Loyalitäten. Sich selbst verantwortlich erklären kann auch zum Deckmantel werden für Einflussnahme. Wo ist da die Grenze?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn jemand für mich Verantwortung übernimmt, ohne dass ich ihn gebeten habe und ohne dass ein zwingender Anlass, eine sogenannte sittliche Verpflichtung besteht, muss das mit dem, für den ich Verantwortung übernehme, abgesprochen sein. Verantwortung hat nichts mit Bevormundung zu tun. Menschen, die so unentwegt Verantwortung übernehmen, können einem deutlich „auf den Kittel gehen“.

Es braucht die Gegenspannung, die in allem Lebendigen ist, weil ich nie nur eine einzige Haltung durchziehen kann, sonst führt sie in die Enge. Wenn ich nur mich selbst suche, verhärte ich mich darin, wenn ich aber nur altruistisch, besessen von „Verantwortung“, lebe, dann bin ich bei dieser Frau aus Dickens Roman gelandet, die sich um alles kümmert, nur nicht um das, was sie eigentlich angeht. Leben ist überhaupt Spannung. Deswegen kommen wir so schlecht zurecht. Meistens tendieren wir in eine Richtung, aber um wirklich vital zu sein, muss man immer auch die Gegenposition mitentfalten, sonst verrutscht meine Stärke in eine Fixierung dessen, was ich schon kann und habe.

Zentral für mich ist ein Gedanke aus dem Buch „Gegensatz“ von Romano Guardini, meinem großen Lehrer. Dort heißt es, das Leben bleibe nur lebendig, wenn es zwischen zwei Polen hin- und hergeht. Eine Stärke bleibt nur stark, wenn sie ihr Gegenteil übt. Nehmen wir mal an, ich sei tapfer. Wenn ich nur tapfer bin und überhaupt nicht analysiere, wohin ich mich eigentlich stürzen soll, immer nur meine Brust hinhalte und mich abschießen lasse, ist das noch keine Tapferkeit. Sie muss an der Besonnenheit festgemacht werden, sonst kippt sie komischerweise ins Irrationale. Meine Begabung ist stets auch der Punkt meiner Schwäche. Ganz klar. Deswegen muss auch Verantwortung in Gegenspannung zu Selbstrücknahme stehen.

Sie haben vorher auch von Strukturen gesprochen. In unserer Zeit sehen wir uns ja auch viel unüberschaubaren Strukturen und Prozessen gegenüber. Gibt es eine Art kollektiver Verantwortung, und wer verantwortet diese dann?

Strukturen und Prozesse sind immer subjektlos. Gerade bei Strukturen und Prozessen ist niemand letztlich dafür zuständig. Das heißt, es sind zum großen Teil Selbstläufer. Deswegen: Je mehr wir auf Strukturen auslagern, desto weniger können wir einen Namen nennen, der in einem elementaren Sinn Verantwortung übernimmt. Dass Strukturen anonym und apersonal sind, ist kein Vorwurf, sie sind es vom Wesen her und es ist ihre Stärke. Damit wird ein Höchstmaß an Schlechtem verhindert, weil die Strukturen es nicht mehr hergeben. Aber es wird auch ein Höchstmaß an Gutem verhindert, weil grundsätzlich eine Art routiniertes Verhalten eingefordert wird. Es ist wichtig, Strukturen zu ändern, denn das sind die Ebenen, über die eine Gesellschaft funktioniert. Aber Struktur allein hat noch keine ethische Qualität. Je mehr wir dahin tendieren, unsere Gesellschaft straff zu regulieren, desto weniger Ethos braucht man im Sinne des Persönlichen. Letztlich ersetzen Regulative die Verantwortung.

„Der Satz
‚Ich liebe dich‘
heißt eigentlich implizit,
dass ich Verantwortung übernehme.“

Das Wort Verantwortung klingt so groß und schwer. Gibt es auch eine leichte, schöne Seite?

Eine schöne Seite? (Frau Gerl-Falkovitz lacht ein verschmitztes Lachen, die ohnehin wachen Augen beginnen zu sprühen.) Ich will nochmals zurück oder vielmehr vorwärts: mit der Liebe, mit der man so viel erklären kann. Eigentlich kann man mit der Liebe alles erklären. Da, wo die Verantwortung wirklich greift und wo sie auch das eigene Leben tief berührt: Das ist der Augenblick, wenn ich jemanden liebe, gleichgültig, ob er die Liebe beantwortet oder nicht oder vielleicht noch nicht mal von ihr weiß. Schon dieses Gerichtet-Sein, die Spannung auf jemanden bedeutet ja, dass ich ihn nicht nur bewundere. Ich meine jetzt nicht die blinde Liebe, sondern wenn ich wirklich elementar liebe. Man könnte auch sagen: Ich habe jemanden angenommen oder ich habe ihn übernommen. Im Wort „übernehmen“ steckt das Antworten auf das, was ihm geschieht, was er tut, was ihm angetan wird. So bin ich durch die Liebe in einem tiefen Sinn nicht nur gefordert, sondern ich bin auch verwundbar. Damit komme ich, anders als bei Nietzsche, in die Qual einer Auseinandersetzung mit mir selbst. Habe ich das Richtige geantwortet oder habe ich die Antwort unterschlagen? Vielleicht habe ich auch nicht die Kraft zu einer Antwort. Lieben kann auch eine Belastung sein. Nehmen wir an, ich kann einen Fehler des anderen nicht ertragen; aber ich weiß, es wäre gut, ihn zu bearbeiten, ich bin selbst aber zu fehlerhaft, als dass ich mich hineingeben könnte. Dann wäre Verantwortung vermutlich: an einem anderen Leben mitzubauen, und zwar nicht, weil ich so tugendhaft bin, sondern weil die Liebe das Moment des Ungeschuldeten und sogar Ungefragten aufweist.

Ich behaupte immer, dass man sich zur Liebe auch entscheiden muss, das ist meine Lebenserfahrung. Man muss auch lieben wollen. Natürlich ist der erste Impuls ein unvermittelter, aber irgendwann muss ich es auch wollen, weil in der Liebe eine Zumutung kommt. Verantwortung wäre dann, dass ich zu Wohl und Wehe am Wachstum eines anderen Anteil nehme nach meiner Kraft. Es kostet mich Kraft und es gibt mir Kraft. Beides.

Wenn Frau Gerl-Falkovitz von der Liebe spricht, ist sie ganz im Element und lässt keinen Zweifel daran, dass sich der Mut zur Zumutung lohnt. Im Januar 2019 hat sie ihren Mann verloren. Der eigene Tod macht ihr keine Angst. Wenn er das geschafft hat, schaffe ich das auch.Sie lässt die Frage im Raum, ob nicht vielmehr die Toten die Lebendigen und wir die Halbtoten sindEine wunderbare Zeit sei es gewesen. So kurz die vielen Jahre. Zurückschauen auf das Schöne sei gerade deswegen keine Option. Wenn ich nach hinten schaue, stürze ich ab. Jetzt kann ich nur noch nach vorne abstürzen. Möchten Sie noch einen Kaffee? Dieses Mal mach ich Ihnen dann nicht mehr diesen Überschwemmungskaffee. Sie dürfen auch gerne zugreifen.

 MAGDALENA HEGGLIN.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz,
geboren 1945, ist eine deutsche Philosophin, Sprach- und Politikwissenschaftlerin und war bis zu ihrer Emeritierung Inhaberin des Lehrstuhls für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der TU Dresden. Seither leitet sie das „Europäische Institut für Philosophie und Religionan der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. im Stift Heiligenkreuz/Wienerwald.