Charaktergeschirr
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Charaktergeschirr

An einem Abend mit ihrer ehemaligen Mitbewohnerin beschloss Viola Beuscher, sich selbstständig zu machen – damit es ihr Leben schöner macht. Arbeit macht so einen großen Teil unseres Lebens aus, sagt sie, da wollte ich, dass es toll wird.

Dieses Porträt ist im März 2021 in der Ausgabe Nr. 14 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

So entstand 2018 ihr Unternehmen für handgetöpferte Keramik. Schlichtes, zeitloses Geschirr, henkellose Tassen, formschöne Vasen und Schälchen, jedes Stück ein Unikat. Die 28-Jährige fertigt und vertreibt die kleinen Kunstwerke mit ihrem inzwischen fünfköpfigen Team in einem Studio in Frankfurt, wo sie auch Töpferkurse anbietet.

Es kam anders

Eigentlich hatte sie Journalismus und Politikwissenschaft studiert. Doch dann passierte 2014 der Unfall, der ihr Leben komplett umkrempelte. In der Kunsttherapie begann sie zu töpfern, um ihr Trauma zu bewältigen und wieder ins Leben zurückzufinden. Und blieb voller Faszination dabei. „Ton ist ein unfassbar vielseitiges Material. Das Tolle daran ist, wie sehr es den Charakter der Person, die damit arbeitet, widerspiegelt: Wie es einem gerade geht, wie man so drauf ist, was vielleicht gerade so eine Phase ist. Das ist super interessant.“

Violas Charakter muss geradlinig, klar und zielstrebig sein. Ihre Stücke sind unmissverständlich und trotzdem vielseitig einsetzbar. Über die Socialmedia-Plattform Instagram erlebte die Keramikerin einen regelrechten Hype – zu ihren Kunden gehören Studenten bis hin zu Hotels und Edelrestaurants. „Ich versuche, mit haptischem Erleben und einer ganz simplen Form Schönheit für unterschiedlichste Settings zu kreieren. Meine Wohnung ist ja ganz anders als deine“, sagt sie.

„Als Business-Viola bekomme ich oft mit, dass echte Handwerksarbeit auf dem Markt untergeht.“ Da zähle meist nur die Oberfläche, der Hype, der Trend, und dann landet der Gegenstand irgendwo im Regal. „Dabei ist es so wichtig, dass jedes Handwerksstück eine Geschichte hat, die mit der Persönlichkeit des Handwerkers verknüpft ist“, sagt Viola. Deshalb präsentieren sie und ihr Team ihre Werke auf eine Weise, die das Dahinter offenlegen soll: „Wir sind Menschen, keine Maschinen.“

„Ton spiegelt den Charakter der Person wider, die damit arbeitet.“

VIOLA BEUSCHER

Schönheit bewusst wahrnehmen

Wann einer ihrer neu entworfenen Prototypen „vollendet“ ist, hat bei Viola viel mit Gefühl zu tun. Auch die Farbwahl bestimmt sich dadurch. „Ich möchte möglichst viel von den Eigenschaften des Tonmaterials zeigen. Es soll mit seiner Gestaltung dazu einladen, sich bewusst damit zu beschäftigen“, erklärt sie. Wer eine ihrer Tassen in die Hand nimmt, spürt die raue Oberfläche des Materials.

Schönheit, meint Viola, gibt es in allem. „In Bezug auf meine Arbeit finde ich Schönheit vor allem im Erleben, im Interaktiven. Für mich ist das etwas, das sich wandelt und formt. Ganz viel davon habe ich in meinem Team.“ Als sie sich selbstständig gemacht hatte und erste Mitarbeiter dazukamen, war es ihr wichtig, das Miteinander bewusst zu gestalten, um Herausforderungen zu meistern. Dass es sozial und menschlich zugeht. „Gerade im letzten Jahr, das für uns alle extrem war, hat sich da bei uns echte Schönheit geoffenbart. Das berührt mich sehr“, sagt sie. Genau dieses Immaterielle ist es, das Viola mit ihrer Keramik, die für den täglichen Gebrauch bestimmt ist, zum Ausdruck bringen will.

ANNA SOPHIA HOFMEISTER

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.