Melchior Magazin | Faire Milch im Glas
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Faire Milch im Glas

Der Strich in der Google-Suchleiste blinkt und wartet auf eine Eingabe. Aber meine Finger rühren sich nicht auf der Tastatur. Auf der Suche nach dem Schlagwort realisiere ich zum ersten Mal, dass diese Milch, diese grandiose Idee und Initiative keinen Namen trägt. 

Der Artikel ist im März 2019 in der Ausgabe Nr. 10 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

„Milch ist einfach Milch. Es braucht nicht alles einen Namen“, erklärt mir Donat Berger schmunzelnd. Er ist einer der beiden Initiatoren der Vollmilch im Glas, die es in der Stadt Bern seit August 2018 zu kaufen gibt. „Es gibt Milch im Glas auch anderswo in der Schweiz, aber nicht pasteurisiert. Als Gastrobetrieb dürfen wir nur pasteurisierte Milch verwenden.“ Donat Berger betreibt das „Apfelgold“, ein gemütliches Kaffee mit Bücherregalen voller Literatur, eigenem Most aus alten Apfelsorten und Desserts. Hier sitzt er mir jetzt gegenüber. Hier verbraucht er in den vier geöffneten Tagen rund 50 Liter Milch pro Woche, früher verpackt in Tetra Pack oder in Plastikflaschen. „Unnötiger Abfall!“, wie er findet. 

Deshalb klingeln seine Alarmglocken sofort, als ihm der befreundete Gastronom Dany Affolter erzählt, er habe einen Bauer gefunden, der Milch pasteurisiert. Das ist selten geworden in der Schweiz, wo die meisten Milchbauern ihre Milch roh weiterverkaufen an Großunternehmen. Dany und Donat spannen zusammen und gewinnen auch Bauer Frank für eine Idee: Pasteurisierte Vollmilch in Glasflaschen für Berner Gastrobetriebe und Privatkunden. Die Milch dafür stammt aus Oberwangen, knapp 10 Kilometer entfernt von hier. Dort pasteurisiert Bauer Frank die Milch seines Nachbarn Stefan, der 45 Milchkühe hat. „Wir brauchen in Bern keine Milch aus dem Zürcher Oberland“, findet Donat. Die pasteurisierte Milch in der Glasflasche gelangt über den kurzen Lieferweg in die Gastrobetriebe und in die Läden in der Stadt Bern, die sich in den vergangenen Monaten von den drei Aspekten der Idee überzeugen ließen: 

#reducesingleuse: Kann ich Abfall vermeiden? 

#drinkfair: Bezahle ich faire Preise an die richtigen Personen? 

#buylocal: Wie kann ich Lieferwege einsparen? 

„Wir brauchen in Bern keine Milch aus dem Zürcher Oberland.

DONAT BERGER

#REDUCESINGLEUSE 

Auf den Glasflaschen steht bescheiden VOLLMILCH, dafür in frecher Schrift und keckem Rosarot. Donat und Dany ließen 6000 Flaschen produzieren, die nun in Umlauf sind und Dank einem Depot von 2 Franken den Weg zurück zu Bauer Frank finden sollen, der sie wieder wäscht und wieder auffüllt. Wieder und wieder. Der Gang zum Entsorgungshof mit leeren Plastikflaschen entfällt, ebenso die Abfallgebühren für Tetra Pack. 

#DRINKFAIR 

Die Milch soll möglichst direkt zum Kunden, ohne Zwischenschritte, die unnötig Geld abzwacken. In der Schweiz verdienen Milchbauern viel zu wenig, weshalb Donat und Dany ihrem Milchbauer Stefan einen Viertel mehr bezahlen als der Schweizer Richtpreis vorgibt. „Auch Frank erhält fürs Pasteurisieren einen Anteil und wir für den Vertrieb. Das führt natürlich zu einem höheren Endpreis“, gesteht Donat. Aber viele Menschen sind offensichtlich bereit, diesen Aufpreis zu leisten. Das beweisen die Zahlen. Schon drei Monaten nach Verkaufsstart haben die Berner ihr Jahresziel erreicht. Jetzt tüfteln sie an der Weiterentwicklung. 

#BUYLOCAL 

Die Milch von Stefans Kühen bleibt in Bern, soviel steht für die Milchvertreiber trotz Weiterentwicklung fest: „In einer anderen Stadt müsste man das Ganze neu aufgleisen, mit lokalen Bauern.“ Sonst ginge die Idee der kurzen Lieferwege und geringen Zwischenschritte verloren. Die anderen Städte überlässt er aber lieber anderen. Es sei nicht sein Ziel, in allen Städten der Schweiz Milch zu vertreiben, betont Donat. Er wünsche sich vielmehr, andere Leute zum Nachdenken anzuregen bei ihrem Einkauf von Produkten. 

Er persönlich bringt die leeren Glasflaschen übrigens nicht immer zurück, sondern braucht sie für seinen unverpackten Lebensmitteleinkauf, für Teigwaren, Nüsse, Haferflocken oder Linsen. „Sieht es so nicht viel schöner aus im Küchenschrank, als in den Verpackungen der Großverteiler?“ 

 SARAH-MARIA GRABER, 32, trinkt besagte Vollmilch aus dem Glas und untersucht regelmäßig ihren Abfall, um Hinweise für das plastikfreiere Leben zu finden.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.