Melchior Magazin | Die Resonanz der Dinge
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Die Resonanz der Dinge

Zusammen mit Anton Nachbauer gründete Andreas Cukrowicz vor 22 Jahren ein Architekturbüro. Ein Glück, dass sie sich getroffen haben. Ihre Talente könnten unterschiedlicher nicht sein, doch sie greifen wunderbar ineinander. Anton ist ein sehr analytischer, klar denkender Mensch. Andreas Cukrowicz Fokus liegt eher im Bauch. So kommt zusammen, was der Architektur zutiefst innewohnt. Denn der Vorgang des Entwerfens beruht auf einem ständigen Zusammenspiel von Gefühl und Verstand. Die Arbeit eines Architekten umfasst zu einem großen Teil Verstehen und Ordnen. Doch die eigentliche Kernsubstanz entsteht durch Emotion und Eingebung. Die kostbaren Augenblicke der Eingebung stellen sich bei geduldiger Arbeit ein. 

Die Begegnung mit dem Bregenzer Star-Architekten Andreas Cukrowicz ist im März 2019 in der Ausgabe Nr. 10 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

ALLES BEGINNT MIT SEHNSUCHT 

Ein Kastanienbaum im Frühling. Tausende und abertausende Blüten, jede einzigartig und wunderschön. Jedes Jahr wieder neu. Unfassbar. Verschwenderisch. „Das ist ja ein Wahnsinn, wie schön diese Blüte ist.“ Er finde dafür keine Worte – vielleicht braucht es auch keine mehr. Etwas berührt, das den Betrachtenden übersteigt. Was bleibt, ist das Staunen. Dieser Blick auf den Kastanienbaum ist ihm besonders lieb. Das sei die Architektur, welche er machen möchte. Es ist die Faszination an dem, was passiert, wenn die grundlegenden Faktoren geklärt sind, die Neugier auf das, was dann beginnt. Er habe an einem Modell für das Konzerthaus aus einfachem Material gearbeitet. 20, 30 Versuche – Millimeter für Millimeter mit dem „Schmirgelpapier“ angeschliffen. Noch einen halben Millimeter. Zu viel. Nochmals von vorne bis er das Gefühl hatte, dass es passe. Und dann sei das Bauwerk im Städtebaumodell gestanden, rundherum mit all den Einflüssen des Ortes. Später habe ein Mathematiker herausgefunden, dass die Form bis auf wenige Hundertstel-Grad einem sehr vielschichtigen Proportionssystem entsprach. „Dann kommt der Beweis für dein Gefühl. Das ist schön.“ Er ist überzeugt, dass wir alle ein Gefühl für die Schönheit haben. Nicht als Einheitsbegriff, denn das wäre langweilig. Schönheit erfüllt für ihn keinen Selbstzweck. „Da drin steckt viel Arbeit“, pflegt man zu sagen, wenn man einen schön gearbeiteten Gegenstand betrachtet und glaubt, die Sorgfalt und das Können des Menschen, der den Gegenstand geschaffen hat, zu verspüren. Schönheit zeugt von etwas Größerem. Unsere Arbeit, die Aufmerksamkeit, welche wir ihr schenken und die Liebe, mit der wir sie tun, fließen in die Dinge ein und wirken nach. Ab diesem Moment ist das Bauwerk nicht mehr egal. Es verfügt dann über diese delikaten Qualitäten, die uns in besonderen Momenten etwas verstehen lassen, was wir zuvor noch nie so verstehen konnten. Es sind diese tieferen Ebenen, die sie gemeinsam mit ihrer Architektur erreichen möchten. 

DAS SPRECHEN DER DINGE 

Alles, was ist, kann mit uns in Kommunikation treten, davon ist Andreas Cukrowicz fest überzeugt. Ob das eine Farbe ist oder ein Gegenstand. Ob etwas spitz ist oder rund, ob es Spannung und Leichtigkeit, Reibung, Festigkeit oder Zerbrechlichkeit besitzt – es spricht zu uns. So sieht er den Menschen gebaut. Und diese Fähigkeit des sich Mitteilens entdecke er in einem Bauwerk. Aber nicht nur im Bauwerk, sondern in jedem kleinsten Detail. Dieses Kommunizieren der Dinge bildet einen Rahmen für das Zusammenleben. Architektur kann uns aufrichten, kann einen Raum schaffen in dem Leben und Wachsen möglich sind. Sie kann aber auch lebensbeschränkend, ja lebensbehindernd wirken. Wir spüren sofort, ob etwas echt ist oder nicht. Wenn es fake ist, dann enttäusche es uns und lasse den schalen Geschmack der Enttäuschung zurück. Doch wenn es authentisch ist, fange es an zu berühren. Wenn das geschieht, treten wir in eine emotionale Interaktion. Eine ganz starke Erinnerung hat Andreas Cukrowicz an den Tag vor der Eröffnung des Frauenmuseums in Hittisau. Ganz alleine sei er durch die leeren Räume gegangen – barfuß. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er durch seinen Kopf, seine eigenen Gefühle wandelte. „Geruch, Haptik – da ist es mir so gut gegangen. Das hat mich sehr berührt.“ Und kürzlich habe er in der Provence eine Bauxit-Steinbruch besucht. Einen ehemaligen Steinbruch – unter Tag. Durch das Herausschneiden der Steine seien riesige Hallen entstanden. Hallen, in denen heute Multimedia-Ausstellungen stattfinden. Und dann seien plötzlich alle Projektionen ausgeschaltet worden. Und was bleibt, ist der Stein. Boden, Decken, Wände – alles eine Einheit. Negativarchitektur, geschaffen wie von einem Bildhauer. Wenn etwas berühre, dann sei es oft archaisch und elementar, auf jeden Fall echt. Eine Echtheit ohne Imitation. Solche Räume ergreifen, wecken Gefühle und Erinnerungen. Sie sprechen. 

„Wir wollen Lebendigkeit und bleiben neugierig.
Und haben Spass und Freude am Finden und Erfinden,
es ist eine Lebensflamme
.

MEHR SEIN ALS SCHEIN 

Auch wenn Andreas Cukrowicz an Architektur und an ihr Arbeiten denkt, steigen Bilder in ihm auf. Viele dieser Bilder und Erinnerungen enthalten das berufliche Wissen über Architektur, das er im Laufe der Zeit erwerben konnte. Sie enthalten das immer neue Fragen nach dem Kern und dem Wesen der Gegenstände, die uns umgeben. Ein Lernen am Wahren, das Bestand hat, das zum Werkzeug für ihre Architektur wird. Aus dem bewussten Wahrnehmen und der Begegnung mit dem anonymen Bauen, ruraler Kulturen und Ställe schöpfe er sehr viel. Dieser selbstverständliche Umgang mit Materialien und Details über Jahrhunderte hinweg. Zum Beispiel das alte Bauernhaus seiner Eltern im Grossen Walsertal. Es sei einfach, so wie es damals gebaut worden ist. Aus dem gemacht, was damals zur Verfügung stand. Und dennoch verfüge es über eine Stimmigkeit – man möchte am liebsten gleich einziehen. Warum wurde jenes Detail so gefügt? Warum wurde für diese Aufgabe genau jenes Material gewählt? Was sind seine Fehlerstellen? Und warum sind die da? In solchen Räumen könne er stundenlang sein. Und dann fangen diese Gegenstände an, zu ihm zu sprechen. Sie zeigen ihm ihr Wesen und den Grund, weshalb sie so sind. Das alte Bauernhaus wurde für ihn ein Lernraum. Daraus entwickelte sich eine Arbeitsweise, die dem Alltäglichen verpflichtet ist. „Im Vorarlberger Dialekt gibt es einen Begriff, der vieles auf den Punkt bringt und alles meint“, sagt Andreas Cukrowicz. „A g’hörig’s Hus“, das sei kein ordentliches oder aufgeräumtes Haus, sondern ein gut gemachtes. 

Ein Bauwerk habe seine funktionalen und technischen Aufgaben, die es zu erfüllen habe. Doch jede Situation sei einmalig. Jeder Ort habe sein Eigenleben, seine Vergangenheit, seine Erinnerung und sein Gedächtnis, die durch Architektur bewusst gemacht oder verwischt und gelöscht werden könne. Ihnen sei bewusst, dass mit jedem Bauwerk eine bestehende Situation zerstört werde. Sie stellen darum den Anspruch, durch die notwendige Intervention das Umfeld zu verbessern. Das Einpassen in gewachsene Strukturen sei darum konstituierend für ihre Arbeit. Und so wird es eine Spurensuche nach den Geschichten des Ortes und den Anknüpfungspunkten für das Bauwerk. Ein Haus, stehe es auch nur fünfzig Meter weiter, müsse ein anderes sein. Dazu komme das Material, wobei es möglichst homogen aus dem Ort selber entwachsen soll. So entstehe ein Dialog zwischen dem belassenen und dem transformierten Material in einer ganz eigenen Selbstverständlichkeit. In ihrem Architekturbüro bauen sie so, als ob sie für sich selbst bauen würden. So begannen sie einen Entwurf des Hauptsitzes eines großen Transportunternehmens mit der Frage: Wo möchte ich hier arbeiten, wenn ich eine Sekretärin wäre? Möchte ich neben dem Auspuff sitzen oder möchte ich darüber sein? Daraus entwickelte sich dann ein Gebäude, bei dem es keinen einzigen Arbeitsplatz auf dem Niveau des Erdgeschosses gibt. 

BAUEN, AN EINEM ORT, DEN ES NOCH NICHT GIBT 

Ein ganz aktuelles Projekt entsteht für einen Ort, den es noch nicht gibt, der vollständig im Umbruch ist. Die neue Kernzelle soll ein Konzerthaus bilden. Die Annäherung über den Ort war so nicht möglich. Stattdessen schaffen Bilder und Begriffe den Kontext und die Basis. Begriffe zu der Geschichte des Ortes. Ein ehemaliges Werksviertel mit Werkhallen, Speichern und Magazinen. Bilder zu Bauwerken, die einem Ort Halt gaben und in denen Kultur gelebt und vermittelt wurde. Dies waren früher oft Kirchen, heute hingegen seien es oft eigenständige Kulturbauten und Events, die diesen Raum einnehmen. Das Bauwerk musste also etwas von dem sein, was früher die Kathedrale in einer solchen Großstadt war. Und so entstand ein Bogen zwischen Werkhalle im Alltag und Kathedrale. Alles dazwischen sollte Platz haben. Die Bilder und Begriffe musste es aufnehmen und zu einer neuen Strahlkraft führen. Wichtig war auch dem Bauwerk seinen Namen zu geben, noch bevor Funktion und Form weiter untersucht wurden: „Klangspeicher“. 

„Wer den Boden kennt, kann richtig und gerade stehen.

DAS WESENTLICHE HERAUSKRISTALISIEREN 

Die Besinnung auf das Wesentliche, die Grundtugend von Qualität und Anspruch, braucht kein Spektakel. Fast verborgen ist die Landesgedächtniskapelle in der Krypta der Basilika in Rankweil. Aufgabe war es, einen Raum zu entwickeln, in dem Leid verarbeitet werden kann. Monatelang haben sie keinen Ansatz fassen können, keinen Lösungsweg finden können für die gestellte Aufgabe. Sie wollten einen Ort schaffen, an welchem diesem Leid, dieser Sprachlosigkeit etwas entgegengesetzt wird. Die einfache Frage lautete schließlich: Was tut eine Person, wenn sie in ihrer Situation nicht mehr weiterweiß? In vielen Fällen zündet sie dann eine Kerze an. Es war dieser Lichtpunkt, der sie interessierte und nicht mehr losließ. In diesen unterirdischen Raum, in diesen Felsenkeller Licht bringen, Tageslicht, einen Lichtblick. So entschieden sie sich, ein Loch in die sechs Meter dicke Außenwand bohren zu lassen. Der Winkel wurde genau berechnet, das Loch musste exakt ausgeführt werden. Und so dringt nun, am 20. März und am 23. September, zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen, für einen bestimmten Moment ein direkter Lichtstrahl von der Sonne ausgehend in den Raum ein und trifft genau den Mittelpunkt einer Metalltruhe mit wichtigen Erinnerungsstücken. Sie birgt Symbole für persönlich ertragene Leidensgeschichten – zwei Bücher mit der Auflistung aller in den Weltkriegen gefallenen und vermissten Soldaten von Vorarlberg, der Rosenkranz des seligen Märtyrerpriesters Carl Lampert, den er im KZ bei sich trug, ein Kopf aus Ton – modelliert von einem Patienten aus der ehemaligen Landesirrenanstalt Valduna. Keine Ausstellungsstücke für eine Vitrine, eher eine Schatzkiste mit Sichtschlitz, in die Wand eingemauert. 

WIR MÜSSEN ALLE EIN BISSCHEN ÄRMER WERDEN 

…und das tue kein Mensch. Das seien die großen Stellschrauben, welche unsere Gesellschaft wirklich verändern könnten. Es gehe uns besser als jemals zuvor – gesamtgesellschaftlich. Aber nur finanziell. Zwischenmenschlich könne man das nicht sagen. Man dürfe den Nachbar nicht mehr hören, alles werde uns zu viel. Woran es liege, dass wir immer mehr Platz brauchen? Es sei so, aber es müsste nicht so sein – eine künstliche Entwicklung der letzten 50 Jahre. Ein Höhepunkt, an dem mehr nicht mehr geht. In der Architektur des Büros Cukrowicz Nachbaur geht es nicht um eine formale Reduktion. In ihrer Arbeit suchen sie nicht das Minimum, sondern das Angemessene. Sie haben Ideen, um das Wohnen viel, viel günstiger zu machen. Nicht, indem man einfach die billigsten Materialien nehme. Heute müsse ein Kinderzimmer mindestens zehn Quadratmeter groß sein, nicht neun und nicht neunkommaneun. Niemand sei bereit, auch nur einen halben Quadratmeter herzugeben. Sechs Quadratmeter – das reiche, glaubt Andreas Cukrowicz. Dann passiere etwas – im Grundriss und in unseren Beziehungen. Er kenne ein Haus aus den 60ern, wunderschön konzipiert, in dem jedes Kinderzimmer sechs Quadratmeter groß sei. Das sei für ihn wie eine Offenbarung gewesen. Dieses Zimmer reiche zum Schlafen, um einen Brief zu schreiben, zu lesen. Da sei alles drin gewesen. Natürlich passen da nicht mehr alle Spielsachen hinein. Was machen die Kinder also? Sie gehen in die gemeinschaftlichen Räume. Hier kann ich alles andere machen – viel- leicht sogar besser, wenn jemand da ist. 

WAS BLEIBT AM SCHLUSS? 

Im Mai des letzten Jahres musste Andreas Cukrowicz am Herzen operiert werden. Er hätte damals alles hergegeben und noch viel Geld aufgenommen, wenn er nur um diese Operation herumgekommen wäre. Doch dann habe ihn der Gedanke glücklich gemacht, dass er sich nicht loskaufen konnte. Auch der nicht, der noch mehr Geld habe. Noch derjenige, der nichts habe. Wir seien in jenem Moment alle gleich. Zufrieden habe ihn dieser Gedanke gemacht – „Es ist sehr gerecht. Am Schluss bist du einfach froh, wenn da jemand ist und deine Hand hält.“ Jemand, der einfach da ist – er glaube, das sei Heimat. Der Kern ist ein zwischenmenschlicher. Die Architektur könne, wenn sie gelingt, ein positives Umfeld, einen Rahmen dafür schaffen. Darin sieht er ihre Aufgabe. 

 STEFAN WYSS, 28, ist Architekt, hofft auf das nächste Abenteuer und glaubt an die Nachhaltigkeit der Schönheit.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.

Andreas Cukrowicz,
geboren 1969 in Bregenz, studierte Architektur an der TU Wien und an der Akademie der Bildenden Künste Wien in der Meisterklasse von Prof. Penttilä. Bereits während des Studiums gingen Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm gemeinsame Wege und gründeten 1996 das Büro Cukrowicz Nachbaur Architekten. „Bescheidenheit und Selbstverständlichkeit“ gehören zu den prägnantesten Anforderungen, die das Vorarlberger Büro an seine Architektur stellt. Sie zählen zu den erfolgreichsten Vorarlberger Architekten und ihre mit zahlreichen Preisen gewürdigte Arbeit erhält auch international hohe Aufmerksamkeit.