Ali und Hend
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Ali und Hend

Eine Liebesgeschichte aus Bagdad. 

Dieses Porträt ist im April 2022 in der Ausgabe Nr. 16 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Ich habe mich mit 40 anderen aus der brennenden Stadt Geflüchteten in einem Landhaus um ein kleines Radio gedrängt, um Neuigkeiten aus Bagdad zu erfahren, und mich jede Minute gefragt, ob Hend noch am Leben war. Da habe ich angefangen zu rauchen“, sagt Ali und hält eine Malboro Red in die kleine Flamme seines Feuerzeugs.

Kibbeh & ein Uniflirt 

Der Regen trommelt an die Verandatür der kleinen Grazer Wohnung, wo ich Alis Geschichte lausche, während Hend Tee aus einer langhalsigen Karaffe nachfüllt.

Ali & Hend habe ich letzten Sommer vor einer Pizzeria in Graz kennengelernt. Die beiden Namen sind für mich mittlerweile beinahe zu so etwas wie einem Sinnbild avanciert. Wie Bonnie & Clyde oder John & Yoko. Sie stehen für viel Abenteuer, wenig Drama und geduldige Liebe. Doch das sollte ich erst im Laufe einiger Nachmittagstees bei köstlichem Kibbeh, Tikka und ungeheuer süßem Schwarztee erfahren. An diesem regnerischen November Nachmittag sind wir wieder zum Tee eingeladen. Frisch in der Pfanne zubereitete Falafel, warmes Pitabrot, Salate und Saucen formieren sich auf dem grün-weiß karierten Tischtuch zu einem farbenfrohen Stillleben. Steiermark meets Morgenland. Während die Falafel von Hand zu Hand gehen, beginnt Ali zu erzählen: Die Geschichte beginnt in Bagdad, einer Stadt mit neun Millionen Einwohnern, wie er stolz betont. Ali wuchs mit fünf Schwestern und einem Bruder auf. Die Mutter Hausfrau, der Vater Englischlehrer. Englischlehrer waren auch die Eltern von Hend, die mit Schwester und zwei Brüdern unweit Alis Viertel groß wurde. Hend war 18 und Ali 20, als die beiden sich zum ersten Mal trafen. Hend hatte sich als eines der wenigen Mädchen an der Technischen Universität von Bagdad für den Studiengang Maschinenbau inskribiert, wo auch Ali seit bereits zwei Jahren Stellung bezogen hatte. Ali trug Hemd und Krawatte, erinnert sich Hend, saß in der Bibliothek und verteilte gebrauchte Lehrbücher an die Neuankömmlinge. An seine Krawatte erinnert sich auch Ali. Und an Hend natürlich. Als er dieses junge, quirlige Mädchen sah, in der Bibliothek auf ihre Zuteilung wartend, war er sofort hingerissen. So schob er ihr, die sparsamen Anweisungen des Rektors vergessend, wortlos zwei glänzend neue Exemplare zu, als sie an die Reihe kam. Die galante Geste wirkte. Ein Lächeln, ein Nicken und die gegenseitige Sympathie war besiegelt.

Ein Lächeln, ein Nicken – dieses Ritual sollte sich nun allmorgendlich wiederholen. Ali wartete jeden Morgen treu vor Unterrichtsbeginn am Eingangstor des Uni-Campus auf Hend, um den stummen Morgengruß zu tauschen. Kein einziges Wort fiel in diesen ersten Monaten. Doch das war Ali nur recht, denn so konnte er das junge Mädchen mit den schwarzen Augen beobachten. Wie sie sprach, sich bewegte. Wie sie sich die Haare aus der Stirn strich, wenn sie lachte, und stets pünktlich zu Pausenbeginn in der Cafeteria auftauchte, um dort ein selbstgemachtes Sandwich zu essen. In Gedanken machte er sich Notizen, führte im Kopf akribisch Buch über ihre Vorlieben und Abneigungen. Denn unvorbereitet wollte er auf gar keinen Fall in den Kampf ziehen. Und ein Kampf würde es werden, das stand für Ali fest. Hend war in der von Männern dominierten Uni heiß umworben und konnte sich vor Lerngruppenangeboten kaum retten. Warum sie ausgerechnet das Angebot von Ali annahm? Hend lacht herzlich, legt mir ein neues Pitabrot auf den Teller und erklärt fast entschuldigend: „Ich dachte mir, da war doch endlich jemand, der tatsächlich an meinem Weiterkommen in der Thermodynamik interessiert war.

„Bomben den ganzen Tag, das war unser Leben geworden.”

HEND

Thermodynamik & Herzschmerz 

Und so verging das erste Jahr, ohne dass jemals über Liebe gesprochen wurde. Wahrscheinlich auch nicht viel über Thermodynamik. Man sprach über das Leben, die Zukunft, über sich, über den anderen. „Romantische Worte fielen nie“, unterstreicht Hend seine Worte mit einer dezidierten Geste und einem strengen Blick auf Ali. Erklärend ergänzt Ali: „Dass wir uns liebten, wussten wir einfach.“ Jetzt nickt Hend und strahlt ihren Mann an. Sie scheint vergessen zu haben, dass sie das im Gegensatz zu ihm zu diesem Zeitpunkt anscheinend noch gar nicht so genau gewusst hat: Die Sommerferien waren gekommen, das zweite Semester war zu Ende. Hend würde vier Monate mit ihrer Familie verbringen. Man schrieb das Jahr 2001, Voicemessages, Whatsapp und Facecalls waren noch ferne Zukunftsmusik. Ergo blieb man in gegenseitigem Schweigen verbunden. Vier lange Monate unter der gleißenden Sonne Bagdads, ließen Hend alle gemeinsamen Zukunftspläne mit Ali vergessen. Der allerdings hatte den ganzen Sommer dem kommenden Semesterbeginn entgegengefiebert und als Hend ihn dann am Tor zum Campus nur mit einem kühlen Lächeln streifte, brach für ihn eine Welt zusammen. „Was sind die überschaubaren Regeln der Thermodynamik doch für ein Segen im Vergleich zu den unberechenbaren Schachzügen der Liebe!“ Ali lacht herzhaft. Doch so schnell warf er die Flinte nicht ins Korn. Nach Einsatz seines ganzen Charmes und ganzen zwei Stunden und 10 Minuten hatte Ali seine Hend wieder um den Finger gewickelt. Ein stolzes Grinsen breitet sich auf Alis Gesicht aus, als er seine Gedanken zurückschweifen lässt. Zufrieden lehnt er sich etwas tiefer in seinen Sessel.

Die Schlacht um Bagdad 

Die Zeit verging im Flug, ein weiteres Jahr zog vorüber und ein neuer Frühling brach ins Land.

Und mit ihm der Krieg. Es war März 2003, als „the Fall of Bagdad“, die Schlacht um Bagdad begann. Beim Versuch, Saddam Hussein zu stürzen, hatte die amerikanische Luftwaffe mit gezielten Bombardements auf Bagdad begonnen. Die Universität wurde geschlossen, man verbrachte die Tage und Wochen bei angehaltenem Atem innerhalb der eigenen vier Wände. Telefonleitungen wurden gekappt, es gab keine Elektrizität mehr, die zivile Infrastruktur war komplett zusammengebrochen. Auf den Straßen herrschte Totenstille, die nur von den regelmäßigen Bombeneinschlägen unterbrochen wurde. „Kein Kontakt zu niemandem, nur Bomben den ganzen Tag, das war plötzlich unser Leben geworden“, sagt Hend und greift zur Fernbedienung. Sie möchte uns eine Live-Aufzeichnung von CNN in Bagdad zeigen, aus diesen Tagen zwischen dem ersten März und dem neunten April, als insgesamt 300 Tonnen Bomben die Stadt fast vollständig zerstörten. Auf dem riesigen Bildschirm, der hinter dem Falafel & Pita Stilleben emporragt, ziehen die Dächer Bagdads vorbei. Verhangen von einer dicken, rosa Nebelwand – der Himmel über Bagdad. Alle 20 Sekunden zuckt er grell und neon-gelb auf, seine Antwort auf eine weitere zerstörerische Explosion. „Die Menschen sahen von ihren Fenstern aus zu, wie Nachbarhäuser in sich zusammenfielen. Wir rechneten jeden Tag damit, als Nächster getroffen zu werden“, erzählt Ali, der mittlerweile aufgestanden ist und unruhig vor dem Bildschirm auf und ab läuft. „Von einem Tag auf den anderen ist mein Bagdad gestorben“, murmelt Hend leise. Wir sitzen einige Minuten still im Wohnzimmer, das rosa und gelb leuchtend, von dem Ton herabfallender Fliegerbomben erfüllt ist, den Blick auf den flackernden Bildschirm geheftet.

„Ich wusste ganz sicher, ohne Hend wollte ich nicht leben.”

ALI

Rückkehr nach Bagdad 

Alis Familie hatte beschlossen, die Stadt zu verlassen, um bei Verwandten auf dem Land unterzukommen, Hend musste bei ihrer Familie in der Stadt bleiben. Doch lange hielt es Ali in dem engen Landhaus mit dem signalschwachen Radio nicht aus. „Auch das Rauchen war keine brauchbare Ablenkung“, grinst er entschuldigend zwischen zwei Zügen seiner Zigarette.
Kurz, er würde in die Stadt zurückkehren. Sein erster Weg führte ihn zum Haus von Hends Familie. „Schon aus der Ferne konnte ich das Haus sehen, die Tür stand offen, eine Wäscheleine mit trocknenden Kleidern über den hellen Rahmen gespannt. Doch was mein angespanntes Herz schlagartig beruhigte, war der Anblick von Hends kleinem Bruder. Unbekümmert saß er unter der Wäscheleine und spielte. In diesem Moment wusste ich, Hend lebte und sie würde weiterleben.“ Ali seufzt, seine Erleichterung scheint nach all den Jahren noch spürbar. Genau 45 Tage später erklärte George W. Bush den Irakkrieg für beendet. Offiziell bedeutete es das Ende des Bombenhagels. Inoffiziell gingen unkontrollierte Anschläge weiter. Und vor allem das Chaos, das in der unbewachten Stadt ausgebrochen war. Ali und Hend kehrten zu ihrer Universität zurück, entschlossen, sie gemeinsam mit anderen Studenten aus den Trümmern neu aufzubauen. „Es gab keine Polizei, keine Armee, keine Regierung. Wild-life on the streets“, fasst Ali die Situation zusammen. Hend bietet mir noch mehr Falafel an, der Fernseher läuft noch immer, das Geräusch knattender Bomben untermalt dramatisch Alis Erzählung. „Doch dieser Krieg hat mich eines gelehrt: Ich wusste ganz sicher, ohne Hend wollte ich nicht leben“, sagt er ernst. Da springt Hend auf, umarmt ihn lachend und drückt ihm einen Kuss auf den Bauch. Automatisch löst sich die angespannte Stimmung im Raum, Ali zückt die Fernbedienung und das Bombenknattern verstummt.

Die Nachbarschaft & das Heiraten 

Ali konnte nun offiziell um Hends Hand anhalten. Schnell wurde ein Datum gefunden, an dem sich die Frauen der jeweiligen Familien treffen würden. Denn erst nachdem man sich gegenseitig auf Herz und Nieren geprüft hätte, konnte über Details gesprochen werden. Sie trafen sich, man sprach über Erfahrenes und Alltägliches, nur das Thema Ali & Hend, der Elefant im Raum, wurde höflich ausgelassen. Man durfte doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Erst musste man sich kennenlernen, inspizieren, abwägen. Das Resultat: trautes Einverständnis auf beiden Seiten. Nicht zuletzt ob des großen Anteils an Englischlehrern, der da zusammengeführt wurde. Doch nichtsdestotrotz und dem guten Anstand zuliebe entschied Hends Mutter noch zwei Monate verstreichen zu lassen, ehe Ali mit einer Antwort rechnen konnte. Die erhielt er dann von Hends Vater, der ihm allerdings mitteilte, sich noch etwas gedulden zu müssen. Erst müsse Ali sein Studium abschließen. Zwei weitere Jahre also.

Hochzeitstanz im Nachkriegsflair 

Hend hat inzwischen die Nachspeisen aufgedeckt. Geschmolzener Käse, der mit etwas sehr, sehr Süßem frittiert wurde, Ingwer – und Anisküchlein und noch ein stark gewürzter Schwarztee. Hend verschwindet in ihrem Zimmer und kommt mit einem hinreißenden Kleid aus hellrosa Spitze wieder. Das Hochzeitskleid ihrer Mutter, ihres hatte sie in Bagdad gelassen. „Meines war mir damals viel zu groß, wir haben keinen Schneider gefunden, der es anpassen hätte können“, erklärt Hend. Auch ein Friseur für Ali war für den großen Tag, den 21. Juli, nicht aufzutreiben. In dem Chaos, in das Bagdad seit Kriegsende versunken war, herrschte Gewalt und Willkür auf den Straßen. Einzig die Regeln der Alkaida waren zu befolgen und tat man das nicht, drohten furchtbare Konsequenzen. So war das Schneiden von Bärten verboten und es war nicht unüblich, dass ein geöffneter Friseur bei hellem Tag samt Kundschaft von vorbeifahrenden Autos aus erschossen wurde. An Tanz und Musik war ebenfalls nicht zu denken, da allzu lustige Gesellschaften oft auf die gleiche Weise aufgelöst wurden. Es sollte also keine rauschende Ballnacht in einer der eleganten Hotels Bagdads werden, wie sie noch Alis Eltern aufs Parkett gelegt hatten. Man musste eben improvisieren. Seinen Anzug bügelte Ali auf dem Herd, die Haare wurden von einem Familienfreund zurecht frisiert, der Hochzeitstanz nach der Trauung wurde in die kleine Wohnung von Alis Familie verlegt, Hends zukünftigem Zuhause. Doch ein bisschen Pomp musste dann doch sein: 30 Autos begleiteten die Braut auf dem Weg in ihr neues Heim.

Mrs. Always Right 

Ali und Hend sehen sich zufrieden an. „Es war ein wunderschöner Tag.“ Verzückt betrachtet Hend das rosa Kleid ihrer Mutter. „Leider passe ich da nicht mehr hinein“, lacht sie und damit ist das Kapitel Hochzeit beendet. Was ihr Rezept für eine glückliche Ehe sei, frage ich. Hend führt mich in das anliegende Schlafzimmer und deutet auf die zwei Polster auf dem Ehebett. Eine Schnörkelschrift ziert Alis Polster: „Mr. Right“. Und auf Hends Exemplar lese ich: „Mrs. Always Right“. „Ali ist ein kluger Mann“, zwinkert Hend und schließt die Tür.

THERESA CZERNIN

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 90 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.