Melchior Magazin | Zurück zur Menschlichkeit
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Zurück zur Menschlichkeit

Michael Patrick Kelly kennt man. Nur der Name ist für manche noch ungewohnt. Spätestens, wenn der Spitzname „Paddy“ fällt, ist alles klar. Die langhaarige Musikerfamilie, die im Doppeldeckerbus, Hausboot und später im Schloss lebte und durch Europa tourte, ging in den 90ern kaum an jemandem unbemerkt vorbei. Phrasen wie „Sometimes I wish I were an angel“ (die übrigens von Paddy stammen) wecken doch meist sentimentale Erinnerungen an frühere Zeiten. Auch wenn sich das damals vielleicht nicht jeder vorstellen konnte.

Mit über 20 Millionen verkauften Tonträgern, 48 Gold- und Platin-Auszeichnungen, ausverkauften Stadien und einem jährlichen Umsatz von 50-60 Millionen Dollar war die Kelly Family eine der erfolgreichsten europäischen Bands der 90er. Im Alter von 10 Tagen „stand“ Paddy zum ersten Mal auf der Bühne, und mit 20 hatte er mehr erreicht, als viele Stars von heute rückblickend einmal von sich behaupten werden können. Und doch – je mehr Fanbriefe es wurden, desto größer wurde die innere Leere. Am Schluss waren es bis zu 1.000 Briefe am Tag. Die Suche nach authentischer Freude und Sinn veranlasste ihn, über Umwege den radikalsten Weg einzuschlagen, der möglich schien. Für sechs Jahre wechselte er von den größten Bühnen und dem Schloss in Gymnich mit 240.000 m2 Garten, Koch und Bediensteten in eine kleine Zelle im französischen Kloster. Von Hype und Erfolg zu radikaler Stille, um über Gott und die Welt nachzudenken. Mittlerweile ist Paddy, der offiziell zu seinem Geburtsnamen Michael Patrick Kelly zurückgekehrt ist, verheiratet, und mit neuer Musik wieder auf Tour. Und doch ist etwas anders. Wir haben uns mit ihm getroffen und nachgefragt.

Wie findet ein Mensch seinen Platz im Leben?

Michael Patrick Kelly — (Lacht). Direkt ans Eingemachte. Ich glaube, je nachdem wie der Mensch in der Familie aufgenommen wird, stellt das eine wichtige Basis dafür dar, wie er später seinen Platz findet. Wenn jemand zum Beispiel in einer Familie groß wird, in der der Vater nie zu Hause ist, oder die Mutter keine Zuneigung zeigt, so wird er wahrscheinlich ein Verhalten entwickeln, das es erschwert, überhaupt einen Platz im Leben zu finden. Denn meiner Meinung nach ist der Mensch ohne Liebe nicht fähig, ganz Mensch zu sein. Ich bin kein Psychologe, aber die meisten Verhaltensstörungen haben ihre Wurzel in einem Mangel an Liebe, oder sogar im extremen Gegenteil, wie Gewalt. Alles dreht sich um den point of departure – also bevor ein Mensch seinen Platz findet, muss er überhaupt einen Platz bekommen.

Das heißt, es geht für dich um Beziehung?

Ich würde sagen der Mensch hat zwei Grundbeziehungen. Die eine ist die Beziehung zur Materie: Der Mensch steht in Beziehung zu seiner Umwelt und transformiert das durch Arbeit. Die meisten Menschen haben irgendwelche Fähigkeiten, Veranlagungen oder Dinge, die sie durch Training schaffen. Die andere große Beziehung ist die soziale oder zwischenmenschliche Beziehung. Und ich hab das große Glück, in einer Familie aufgewachsen zu sein, wo man Musik gemacht hat. Das hab ich einfach von klein auf auch machen wollen. Es den großen Geschwistern nachmachen. Ich bin außerdem mit einer wundervollen Frau beschenkt worden, die mir hilft, auch in dieser Beziehung meinen Platz zu finden.

„Ich habe mich in der Anerkennung von anderen verloren.“

MICHAEL PATRICK KELLY

Mit deinem letzten Album „Human“ bist du ja nach einer langen Auszeit erfolgreich wieder ins Musikgeschäft eingestiegen. Zum Titel „Human“: Im Englischen ist der Mensch das „human being“, also der Mensch, der ist. Wir definieren unseren Wert als Mensch aber oft durch das, was wir tun, können, haben, erreichen. Wie gehst du als erfolgreicher Musiker damit um?

Ich bin kein Meister im „Sein“. Ich bin meistens im „Tun“ und mag es, kreativ zu sein und Projekte auf die Beine zu stellen. Aber ja, wir tendieren dazu, uns mit dem, was wir haben oder dem, was wir tun, zu identifizieren. Haben kann alles bedeuten – einen Titel als Adeliger, eine Million Euro auf dem Konto, oder die schönste Frau zu haben. Oder eben das Tun: „Ich bin Taxifahrer“, „Ich bin Musiker“, „Ich bin Journalist“. Das gehört natürlich zu dem, wer wir sind, dazu. Das ist Teil unserer Identität. Aber bevor wir überhaupt etwas getan haben, schon als Baby, oder wenn wir irgendwann bettlägerig und alt sind, sind wir ja auch Mensch. Dann sind wir vielleicht mehr im Sein – weil wir nichts anderes tun können.

Die sechs Jahre im Kloster haben mir so einen anderen Lebenskontext gegeben, dass ich zweieinhalb Stunden am Tag nur sein musste. Ohne ein Tun. Für mich war in den ersten Monaten im Kloster die Stille das Schwierigste. Denn da passiert erst mal gar nichts. Du sitzt eine Stunde lang in der Kapelle, du hast kein Handy in der Hand. Selbst wenn du eine Inspiration hast. Als Mönch musst du der Glocke gehorchen, nicht der Inspiration. Sprich, du musst da sitzen und schweigen. Und mit dir sitzen 50 andere Kerle auch da. Sogar fünf Minuten können so echt anstrengend sein. Warum? Weil nichts passiert. Lass uns das probieren. (Wir sitzen für eine Minute still da.) Fühlt sich komisch an, nicht? Als müsste man etwas tun. Als müsste man etwas füllen.

Also haben wir es in unserer schnelllebigen Gesellschaft verlernt, still zu sein, die Stille auch als Potenzial – als Schlüssel zu einer größeren Freiheit zu sehen?

Meine Erfahrung war: Im Schweigen und in der Stille ist man mit sich selbst auf eine völlig andere Art konfrontiert als in der Aktion. Solange wir aktiv sind, fühlen wir uns nützlich, verwirklicht, irgendwie busy, abgelenkt, lebendig, was auch immer. So wie ich es erfahren habe, hat das oft einfach damit zu tun, dass man sich selber nicht kennt und oft sogar vor der Auseinandersetzung mit sich selbst wegrennt. Man kennt sich nicht im reinen Sein. Einfach im Hier und Jetzt. Sondern man ist mit den Gedanken immer entweder in der Zukunft, in der Vergangenheit oder irgendwo in einem Kopfkino. So ging es mir in den ersten Monaten im Kloster. Aber diese Stille, dieses Schweigen war sauhart. Irgendwann fängst du an, den inneren Menschen zu entdecken, und du merkst, dass Gefühle aufkommen, die du vorher nie wahrgenommen hast. Da sind Sehnsüchte, Träume, Gedanken, Ängste, Sorgen, Wunden der Vergangenheit. Alles kommt auf einmal peu à peu in dein Bewusstsein. Dann fängst du an, ein bisschen zu sortieren, zu bewerten. Das hat mir sehr, sehr gut getan, denn ich war ein sehr extrovertierter Mensch. Ich hab mich in der Anerkennung von anderen verloren. Ein people pleaser. Und auf einmal kehrst du in dich selbst ein.

Da muss ich an das Thema Achtsamkeit denken, das in der Psychotherapie jetzt sehr modern ist… Diese ganzen asiatischen Meditationsmethoden wie „Stell dir eine leere Wand vor“ sind total populär, weil die Menschen überfüllt sind mit Informationen. Für mich waren aber diese Stunden im Kloster nicht nur ein „sich leer machen“. Das gehört zwar auch dazu, aber es waren dann auch die Dialoge.

Wird man, gerade wenn man sehr erfolgreich ist, immer mehr dazu gedrängt, ein „people pleaser“ zu sein und Erwartungshaltungen zu erfüllen?

Ich versuche mich immer wieder davon frei zu machen, was andere denken oder was ich selbst von mir denke. Wenn ich mir Kinder anschaue, die glücklich und gesund sind – die sind natürlich und frei. Das ist glaub ich ein Lernprozess. Kein Mensch ist wie der andere. Also muss jeder Mensch auch irgendwie selber seinen Weg finden. Mein Vater hat mir einmal einen Rat gegeben, als er gemerkt hat, dass ich sehr bedrückt war. Ich hatte gerade sehr viel Erwartungsdruck, es musste noch ein Hit her, noch ein tolles Album produziert werden und man schaute auf mich. Dann sagte er: „Hey Paddy, no matter what, keep your spirit free.“ Und dieses „keep your spirit free“ ist für mich zu einem Leitsatz geworden. Immer, wenn ich mich eingeengt fühle oder zu viel Druck habe, den ich mir oft auch selber mache, denke ich daran.

Das ist im Showbusiness sicher noch schwieriger, als es sonst schon ist…

Wir leben in einer sehr vom Perfektionismus geprägten Welt. Allein wenn wir uns die Werbeplakate anschauen. Da wird suggeriert, dass ein Mann einen Sixpack haben muss, eine Frau eine Mini-Taille. Mit 30 Jahren musst du dies erreicht haben, mit 40 das… Da drehst du durch. Das schafft doch kein Mensch. Ich kenne solche Damen, die auf diesen Plakaten sind. Die haben vorher stundenlang in der Maske gesessen und dann hilft die Technik dem Bild trotzdem nochmal nach. Wer hat schon Zeit, jeden Morgen Stunden in der Maske zu sitzen? Solche Tricks werden mit mir teilweise auch gemacht (lacht). Im Showbusiness gibt es Leitbilder, die unnatürlich sind, die machen den Maßstab unbequem. Meine engsten Freunde aber kennen mich in- und auswendig. Sie kennen vor allem meine Schwächen. Es ist toll, Freunde zu haben, die dich auch mit deinen Fehlern und Schwächen lieben! Es gibt dieses berühmte Lied: Ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst. Weißt du, das hat was. Das ist heilend – für mich.

Dein Weg für ein gutes Leben?

Als Künstler bin ich erstmal etwas chaotisch, aber im Kloster bin ich auf einen guten Satz von Aristoteles gestoßen, der sinngemäß sagt: Der weise Mensch weiß die Dinge zu ordnen. Jede Ordnung baut auf ein Prinzip.

Heute mehr denn je erlebt der Mensch einen gewissen Druck, kreativ zu sein, die entscheidende Idee zu haben, innovativ zu sein, um ein erfolgreiches Leben führen zu können. Muss man kreativ sein, um glücklich zu sein?

Warren Buffet wurde mal gefragt, was man tun müsste, um eine erfolgreiche Karriere zu haben. Seine Antwort darauf war: Mache das, was du machen würdest, wenn du Geld nicht nötig hättest. Tu das, was du liebst, das was deine Leidenschaft ist, das wofür du brennst. Das ist die beste Voraussetzung dafür, erfolgreich zu werden. Das war sein Rat. Ich denke, er wird es wohl wissen, als Multimilliardär. Ich versuche in meinen Entscheidungen oft, diesem Rat nachzugehen. Und wenn ich das tue, was ich liebe, kommt die Kreativität fast von alleine, weil ich ja nach Mitteln suche, um meine Ziele zu erreichen. Wir bekommen durch Social Media und diverse Medien oft den Eindruck, dass andere ein so viel aufregenderes Leben führen als wir, dass wir vielleicht nicht „am Ball“ oder kreativ genug wären. Aber das liegt auch daran, dass alle tendenziell eher das „Best Of“ ihres Alltags posten.

 JOHANNES WUNSCH, spielt Bass in einer bekannten Pop/Rockband, therapiert beruflich Psychen und mag Hochzeitsreisen auf Hawaii.

 

Michael Patrick Kelly
kennt man. Nur der Name ist für manche noch ungewohnt. Spätestens, wenn der Spitzname „Paddy“ fällt, ist alles klar. Die langhaarige Musikerfamilie, die im Doppeldeckerbus, Hausboot und später im Schloss lebte und durch Europa tourte, ging in den 90ern kaum an jemandem unbemerkt vorbei. Phrasen wie „Sometimes I wish I were an angel“ (die übrigens von Paddy stammen) wecken doch meist sentimentale Erinnerungen an frühere Zeiten. Auch wenn sich das damals vielleicht nicht jeder vorstellen konnte.

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„Bevor ein Mensch seinen Platz findet, muss er überhaupt einen bekommen.“

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