Melchior Magazin | Fass den Koffer nicht an
571
post-template-default,single,single-post,postid-571,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,qode_popup_menu_push_text_top,qode-content-sidebar-responsive,qode-theme-ver-10.0,wpb-js-composer js-comp-ver-4.12,vc_responsive
 

Fass den Koffer nicht an

Unsere Autorin hatte nichts mit Kirche zu tun. Jetzt begleitet sie seit einigen Monaten einen Priester. Ein Jahr lang. Auf ihrem Blog „Valerie und der Priester“ schreibt sie, was sie mit dem Kaplan Franziskus von Boeselager erlebt – und wie das ist, wenn zwei Lebensrealitäten aufeinanderprallen.

Jetzt traf ich also im April diesen Priester, mit dem ich ein Jahr verbringen sollte: Franziskus. Weil immer alle fragen: Ja, so heißt er wirklich. Er wohnt in Münster, ich in Berlin. Er ist Katholik, ich Feministin, klingt für die meisten wie ein Gegensatz, in unserem Fall ist es das auch ein bisschen.

Franziskus wollte also meinen Koffer tragen. Dabei ist der Handgepäckformat und meistens überhaupt nicht schwer. Das ist aber in diesem Fall (Fall: Mann/Frau) nicht wichtig. Franziskus ist in einer Welt aufgewachsen, in der Männer eben für Frauen Dinge tragen, reine Höflichkeit. Und jetzt komme ich, nehme den Koffer selbst und mache auch noch aus Höflichkeit Sexismus. Ich sah es ihm an, er dachte wohl etwas wie: Boah. Immer diese Feministinnen. Warum ich das erzähle? Gleich, erst noch ein anderes Beispiel.

Franziskus will jeden Tag eine Messe feiern, vor allem sonntags muss es sein. Nun waren wir einmal zusammen in Berlin und zum Essen mit Freunden von mir verabredet. Zur Messe wollten wir eigentlich vorher, die fiel aus, es kamen viele andere Dinge zusammen. Jedenfalls sagten wir am Ende das Essen ab, damit er noch an einer Messe teilnehmen konnte. Dabei macht er das täglich. Gott wird sicherlich nicht vom Himmel steigen, wenn er es einmal ausfallen lässt. Und es sollte Burger geben. Muss man so kleinlich sein? Immer diese Katholiken.

Wer sich nicht in einem von uns wiederfindet, der kennt zumindest trotzdem die Situation, Menschen zu erleben, die in ihrer Sache völlig übertreiben, sodass man sich nur denkt: Boooaah. Zwischen Franziskus und mir wäre es normalerweise auch bei dem Boah geblieben, aber jetzt verbringen wir halt ein Jahr miteinander, sodass wir noch einmal darüber sprachen, was eigentlich unser Problem ist.

Ich erklärte ihm, dass es mir nicht um den Koffer geht, sondern um Machtstrukturen, die auch im Kleinen wirken. Und die im Großen dazu führen, dass Frauen noch immer als das schwache Geschlecht betrachtet werden. Franziskus erklärte mir, dass es ihm nicht um Angst vor Strafe oder das stumpfe Ausführen von Regeln geht. Es gehe ihm um seine Beziehung zu Jesus Christus, die er pflegen müsse. Diese Beziehung ist für ihn alles, daraus agiert er. Pflegt er sie nicht wie versprochen, funktioniert er nicht. Man kann uns jetzt zustimmen oder nicht. Der Punkt ist: Aus unserer jeweiligen Perspektive ist unser Handeln nicht übertrieben, sondern völlig logisch. Und wenn wir diese Perspektive des anderen anerkennen, ist es auch leichter, das Koffer-tragen-aus-Prinzip zu verstehen. Und selbst den freiwilligen Verzicht auf Burger.

Ein besseres Verstehen führt zu weniger Boooaah und einem besseren Miteinander. Das gilt für eine Journalistin und einen Priester, aber eigentlich auch alle anderen.

VALERIE SCHÖNIAN, 26, arbeitet als Journalistin in Berlin und steht auf Studi-Magazine. Sie selbst war während des Studiums beim Campusmagazin „Furios“ der FU Berlin.

 

Valerie Schönian
ist eine junge Journalistin und begleitet ein Jahr lang den Priester Franziskus von Boeselager. Das Projekt dokumentiert sie auf dem Blog www.valerieundderpriester.de

unnamed-1

 

„Ein besseres Verstehen führt zu weniger Boooaah und einem besseren Miteinander.“