Melchior Magazin | Und wir lebten
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Und wir lebten

Als ich früher zu Besuch beim Opa war, gab es immer Ribisel mit Zucker. Wenn sich die saure Note der Beeren mit dem süßen Zucker im Mund vermischte, war das wie eine Geschmacksexplosion. Dazu hat er immer viel erzählt, am liebsten vom Krieg und der Liebe. Mit lautem Organ und lebendigen Gestiken gehört er zu den begnadeten Erzählern. Heute sitzen wir wieder da, in seinem selbstgebauten Haus in Niederösterreich. Statt Ribisel gibt es Himbeerkuchen.

Dieser Artikel ist im Oktober 2017 in der Ausgabe Nr. 7 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

„Auf Wiedersehn“, habe ich zu ihr gesagt und dachte, ich würde sie nie wiedersehen. Wir verließen das Kino, für das wir spontan noch die letzten Tickets in der hintersten Reihe bekommen hatten. Ein Stehplatz war es. Dann verabschiedeten wir uns, denn am nächsten Tag sollte es an die Westfront gehen. Zumindest war das der Plan.

Im Krieg sind mir so viele Wunder passiert. Andere nennen es Zufall, aber für mich waren es Wunder. Darüber kann ich nur staunen. Meine erste Verwundung erlitt ich durch einen Bombeneinschlag. Es war März und die Sonne schien wunderbar, als wir im Visier des Gegners lagen. Mein Kamerad und mein Leutnant waren beide sofort tot. Ich fiel auf die richtige Seite und kam mit einem lächerlichen Splitter in der Wange davon. Meine zweite Verwundung war ein Schuss in den Rücken, der blieb haarscharf vor der Lunge stecken. Im Lazarett lag ein Wiener neben mir, der mir in seinem Wiener Slang prophezeite, dass ich sicher bald abkratzen würde.

Ein denkwürdiger Tag

Bei uns hatte jeder die Nase voll vom Krieg, aber es konnte ja keiner heraus. Wir haben versucht, so viel normales Leben wie möglich zu leben. An ruhigen Abenden gingen wir öfters zusammen fort – mein Kollege Robert und ich – so wie am 3. Dezember 1944, als wir in Karlsruhe stationiert waren und eine ehemalige Schulkollegin von Robert besuchten, deren Freundin Weihnachtskekse backen wollte. Im Anschluss ein Kinobesuch inmitten der Trümmerhaufen. Ein Stückchen normales Leben im reinsten Wahnsinn. Was sich dann am darauffolgenden Tag, dem 4. Dezember, ereignete, ist eine Häufung von Zufällen, die für mich eines der vielen Wunder meines Lebens darstellen.

Am Morgen dieses Tages bekamen wir einen Anruf vom Kommando: Wir würden doch noch nicht an die Front verlegt. Das wurde hin und wieder als Täuschung für die Alliierten eingesetzt. Ich musste an Gerda Weber, das gutaussehende Fräulein mit der Weihnachtsbäckerei, denken und beschloss, mich nochmals mit ihr zu treffen. Ich hatte keine Telefonnummer, wusste nur, dass sie bei der Bank arbeitete. Da Roberts Freundin auch dort angestellt war, gab er mir die Nummer und obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits der Großteil der Leitungen zerstört war, bekam ich doch eine Verbindung. Ich holte sie also am gleichen Tag von der Arbeit ab und wir stiegen in die Straßenbahn. Schon nach zwei Stationen ertönte ein lautes Signal. Es wusste jeder, wofür es stand: Voralarm. Die Straßenbahnen wurden eingezogen und wir mussten zu Fuß weiterlaufen, eine halbe, dreiviertel Stunde. Wir kamen an einem Bunker vorbei, der besonders sicher war, aber entschlossen uns, trotzdem weiterzugehen. Wie sich später herausstellte, wurde dieser Bunker am gleichen Abend völlig zerstört und Gerdas Freundin dabei getötet. In einem Außenbezirk von Karlsruhe angekommen, wo Gerdas Familie wohnte, war Hauptalarm. Der ganze Himmel war bereits erleuchtet mit den „Christbäumen“ der Amerikaner, wie wir sie nannten. Durch das Abfeuern dieser Leuchtbomben konnten sie ihre Angriffsziele besser erkennen. Die Phosphorbomben schlugen die Dächer ein und setzten alles in Brand.

Alle feindlichen Flieger zogen ab und wir sahen aus der Ferne schon, dass es aus der Mansarde von Gerdas Haus herausrauchte. Schnelles Handeln war jetzt gefragt. Da die Wasserleitungen nach Fliegerangriffen für die Feuerwehr gesperrt waren, hatten wir kein Wasser zum Löschen. Doch die Not macht erfinderisch und so blieb uns nichts anderes als die stinkende Jauche aus der Senkgrube. Mit meinen schweren Militärstiefeln trat ich die Tür ein und Gerda brachte mir Kübel um Kübel schrecklich stinkender Jauche, die ich sogleich gegen die brennende Kredenz schüttete und so das Feuer halbwegs unter Kontrolle halten konnte. Die Deckenbalken waren damals noch aus Holz und überall rannte Phosphor die Spalten hinunter; das Feuer entzündete sich immer und immer wieder neu und spielte dieses Spiel bis in die frühen Morgenstunden mit uns. Es muss vier Uhr morgens gewesen sein, als es draußen noch dunkel war und der Brand endlich gelöscht war, und mit grauen Kohle-Gesichtern und verdreckter Kleidung setzten wir uns erschöpft auf die Stufen des Stiegenhauses. Da brachte Gerda die am Vortag gebackene Weihnachtsbäckerei, die unversehrt geblieben war. Wir aßen sie, 20 Tage zu früh. Denn wir wussten nicht, ob wir Weihnachten überhaupt noch erleben würden. Es gab Not, aber die Not vervielfacht das Glück. Wir waren im Hier und Jetzt. Heute lebten wir, doch morgen konnte alles anders sein. Da habe ich sie zum ersten Mal geküsst.

„Gerda, kannst du dich erinnern? War schön, oder?“, fragt er sie mit feuchten, leuchtenden Augen. Er muss weinen.

„Es gab Not, aber die Not vervielfacht das Glück. Heute lebten wir, doch morgen konnte alles anders sein.“

Leben

Schon am nächsten Morgen kam dann der Befehl, sich an die Westfront zu begeben, wo ich als Geschützführer von Jänner bis April blieb. Der Krieg war hässlich, aber es gab auch positive Momente. Augenblicke des Zusammenhalts. Ich versuchte, auch meinen Teil dazu zu tun. Eines Tages kam einer zu mir und sagte, es säßen zwei Amerikaner im Keller. Sie waren verletzt und wurden von ihren eigenen Leuten vergessen. Ich holte sie also und führte sie selbst durch den Ort zur Feldgendarmerie. Ich erinnere mich noch gut an die SS-Männer die überall standen und mich unter Druck setzten: „Stell sie an die Wand, die Hunde!“ Ich ließ mich von ihren Forderungen nicht beeinflussen und brachte sie in Sicherheit. In der Privatschule, die ich als Jugendlicher besucht hatte und für die meine Eltern hart gearbeitet hatten, war die Gewissensbildung ein wesentlicher Teil. Wenn du kein Gewissen hast, bist du ein schwacher Mensch. Das trug mich stets durch den Krieg.

Ich fand Gerda von Anfang an eine beeindruckende Frau. Und ich vermisste sie. Der Krieg kämpft sich anders, wenn man ständig an jemanden denken muss, den man sehr liebgewonnen hat. Zu Ostern an der Westfront kam sie mich mit dem Rad besuchen, was ganz und gar nicht ungefährlich war, denn im Nachhinein schilderte sie mir, wie sie das Pfeifen der Geschoße um sich herum gehört hatte, die von Frankreich nach Deutschland und umgekehrt abgefeuert worden waren. Dann bekamen wir den Befehl, uns nach Stuttgart zurückzuziehen. Ich machte mich mit Robert und einem weiteren Kollegen also auf den Weg. Auf der Durchreise bekamen wir noch einen großen Hasen als Ostermahl, den Gerdas Eltern für uns geschlachtet hatten. Kurz vor Stuttgart sahen wir dann, wie der Sender gesprengt wurde, woraufhin wir beschlossen, dass dies das Ende des Krieges für uns bedeuten sollte. Wir desertierten und versteckten uns in einer Höhle im Schwarzwald, wo wir einige Tage und Nächte blieben und auf Reisig schliefen. Der Gedanke an die Felsen, in denen zu Ostern noch die Kälte des Winters steckte, gruselt mich heute noch. Die Franzosen waren uns auf den Fersen, deshalb mussten wir weiterziehen und entschieden uns, 50 Kilometer durch den Schwarzwald zurück nach Karlsruhe zu marschieren. Unsere Hände ängstlich eine kleine weiße Fahne umschließend. Immer wieder gingen wir unwissend durch Mienenfelder, die Schilder sahen wir erst im Nachhinein. Trotzdem kamen wir unversehrt am Ziel an. Die Uniformen legten wir ab und zogen uns Zivilkleidung an. Zwei Tage später mussten sich alle Soldaten bei den Franzosen melden und man nannte uns von nun an Kriegsgefangene, doch wir wurden gut behandelt und ich fing an, als unerfahrener Schneider im Haus der Familie Weber Anzüge für die Franzosen anzufertigen. So konnte ich für die Familie sorgen und wertvolle Zeit mit Gerda verbringen. Im Keller des Hauses lagen noch Kartoffel, die gemeinsam mit Kaffee für die nächste Zeit unsere Nahrungsquelle darstellten. Während dieses Jahres, in dem wir für die Franzosen arbeiteten, wurde am 8. Mai 1945 das Kriegsende verkündet. An diesem Tag feierte ich meinen 24. Geburtstag. Und wir lebten.

So wie sich die Säure der Ribisel mit dem Zucker vermischt, wiederholt sich das Gleiche immer wieder in den Geschichten meines Großvaters. Hoffnung mischt sich in die Trübsal, die Freude in die Angst, Momente des Friedens in den Krieg. Opa schiebt mir ein Foto zu. Eine wunderschöne junge Frau mit kräftigem, schwarzem Haar. Dass meine Großeltern, die ich nur mit ergrautem Schopf kenne, auch einmal jung waren, ist immer wieder schwer fassbar. Auf der Hinterseite steht in altmodischer Schrift geschrieben: „Dir, als Andenken an unsere schöne gemeinsame Zeit in Karlsruhe.“

„Wenn du kein Gewissen hast, bist du ein schwacher Mensch. Das trug mich stets durch den Krieg.“

Aufbruch

Es war Zeit für mich, nachzusehen, wie es meiner Familie ging, die ich in Wien zurückgelassen hatte. Immer wieder gab ich Reisenden Briefe mit, die unbeantwortet blieben. Im Zuge der Repatriierung konnte ich legal nach Österreich reisen und fand dort mit großer Erleichterung meine lebenden Eltern und meinen vom Krieg ebenfalls zurückgekehrten Bruder vor. Ich war froh, bei meiner Familie zu sein, aber ich vermisste Gerda. Es war uns von Anfang an klar, dass wir zusammen alt werden wollten. Ich bat sie, in der Zwischenzeit alle nötigen Dokumente für unsere Hochzeit zu sammeln und entschloss mich, sie nach Wien zu holen. Wie, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz klar. Aus Sehnsucht nahm ich den nächsten Zug nach Deutschland und versuchte, mich über die Grenze zu schmuggeln. In Salzburg wurde mir mit einer Inhaftierung gedroht, sollte ich es nochmals versuchen. Ich versuchte es nochmals. Diesmal mit einem Repatriierungszug, der ausgewiesene in Rumänien lebende Deutsche zurückführen sollte. Und es gelang. Wir sahen uns wieder und traten gemeinsam den Weg in eine gemeinsame Zukunft an. Gerda verabschiedete sich von ihren Eltern und zusammen gingen wir. Jahre später erzählte uns ihre Mutter von dem Schmerz, den sie damals empfand, denn Gerda drehte sich nicht einmal mehr um, um ein letztes Mal zurückzublicken.

Grenzen

Zwei Kartoffelsäcke, ein paar Anzüge, ein Fahrrad. Das war unser Hab und Gut für unseren Start in ein neues Leben. An der Grenze angekommen, erfuhren wir, dass Gerdas Papiere nutzlos waren, solange wir nicht verheiratet waren. Ich wäre bereit gewesen, noch am gleichen Tag um ihre Hand anzuhalten, aber es gab noch keine Staatsverträge, daher war eine internationale, standesamtliche Hochzeit nicht möglich. Also beschlossen wir, Gerda über die Grenze zu schmuggeln. Wir schlichteten unsere Kisten in den Zug und versteckten sie dahinter. Das war die längste Zugfahrt unseres Lebens. Die erste Kontrolle kam an der Staatsgrenze, die zweite an der Demarkationsgrenze an der Enns, dem Eintritt in die russische Besatzungszone. Nach jeder Kontrolle ein weiterer Felsbrocken, der wie eine große Last von unserem Herzen fiel. Der Zug setzte sich für das letzte Teilstück nach Wien in Bewegung und dann passierte das nächste Wunder meines Lebens: Der Zug hielt innerhalb der 800 Kilometer langen Strecke zufällig genau dort an, wo wir es brauchten: kurz vor Wien, in einem kleinen Ort namens Totzenbach, wo das Landhaus meiner Großeltern stand. Wir stiegen aus und winkten. Der Zug fuhr weiter nach Hütteldorf, wo er von der Bahnpolizei umstellt wurde, die alleine aus unserem Abteil fünf Personen per Schub sofort wieder zurück nach Deutschland schickte.

Neubeginn

Von einem Bauern aus dem Ort wollte ich mir ein Pferd ausborgen, doch die Russen hatten ihm alles weggenommen bis auf eine Kuh, so spannte ich diese ein und brachte meine Gerda in ihre neue, vorübergehende Unterkunft. Wie lustig und traurig zugleich das war! Am Speiseplan standen diesmal Kartoffel und Lebertran. Fahrräder meines Vaters tauschte ich gegen Mehl (für ein Fahrrad bekam ich immerhin 50 Kilogramm), womit Gerda „exquisite“ Lebertran-Palatschinken zubereitete. Dabei rauchte es schlimmer als beim Bombenangriff in Karlsruhe! Gerda lebte dort noch einige Zeit als „U-Boot“, denn jeder Ausländer musste den Russen gemeldet werden. Ich zog bald nach Wien und fing dort als Schneider bei einer Firma zu arbeiten an. Wir waren also vorerst wieder getrennt, bis wir dann im Juli 1946 in aller Stille am Wiener Standesamt heirateten und Gerda somit österreichische Staatsbürgerin wurde. Für uns war es damals keine richtige Hochzeit, aber die Eintrittskarte in eine gemeinsame Zukunft. Zwei Jahre später traten wir zusammen vor den Altar und feierten mit sechs Fiaker-Pferden und einem ganz ansehnlichen Rahmen. Wir zogen in eine gemeinsame Wohnung, die verwanzt war und keine Fenster hatte. Das bedeutete vorerst viel Arbeit, aber das Glück war damals einmalig bei uns. Und so ist es auch geblieben.

Heute beschreibt nur ein Wort meine Gefühle: Dankbarkeit. Nächstes Jahr feiern wir unsere Gnadenhochzeit. Wer darf das schon? Wir bitten um wenig und bedanken uns für alles. Dank dir schön. Dank dir schön.

70 Jahre Ehe. Das übersteigt die durchschnittliche Dauer einer österreichischen Ehe ums Siebenfache. Wie man 70 Jahre lang Seite an Seite das Leben lebt? „Die Liebe“, seufzt Oma mit gebrochener, rauer Stimme und versucht, ihre müden, faltigen Augen einen Spalt weit aufzumachen. Sie drückt ihre Faust ans Herz. Das sind die ersten Worte, die sie unserem Gespräch beisteuert. „Die wahre, echte Liebe. Als Grundeinstellung.“

  JULIA SPIEKERMANN, 26, freut sich noch immer wie ein kleines Kind über Besuche bei Oma und Opa und wünscht sich, mit ihrem Mann auch einmal den 70. Hochzeitstag feiern zu dürfen.

 

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„Heute beschreibt nur ein Wort meine Gefühle: Dankbarkeit.“

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