Melchior Magazin | Startup mit 21
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Startup mit 21

Bei „Lebensziel“ steht Familie statistisch gesehen einsam und allein auf Platz 1 der Meinungsumfragen. Monika und Dominik haben diesem Lebensziel in – statistisch gesehen – sehr jungen Jahren die erste Priorität eingeräumt. Ein Erfahrungsbericht.

Dorf Tirol, Panoramablick mit Schloss, unzählige Hotels und fünf neu zugezogene Einwohner. Die Wohnung im ersten Stock haben sie zum größten Teil selbst umgebaut. Es ist der erste Abend im neuen Jahr mit seiner ihm innewohnenden Müdigkeit. Von der spüren die Kinder, die im Pyjama aufgeregt durch die Wohnung sausen, scheinbar jedoch nichts.

Zu Besuch bei Familie Raich, Moni und Dominik, beide 28 Jahre alt, Maria, Esther und Johannes. 7, 6 und 4. Lautes Lachen (und etwas, das wie ein Dudelsack klingt) kommt aus dem Kinderzimmer.

3 unter 30

Jemand der drei Kinder hat und unter 30 ist, scheint viele Leute bisweilen etwas aus der Fassung zu bringen. „Also die Reaktionen von außen sind meistens so: Wow, wie gibt`s denn das?“, schmunzelt Dominik. „Es ist halt unkonventioneller. Aber ich bin voll gerne eine junge Mama.“ Moni und Dominiks Geschichte ist nicht getragen von dem Wunsch, besonders herausstechen zu wollen, sicher nicht. Es ist wahrscheinlich viel eher die Geschichte von zwei jungen Menschen, die sich gleich einmal selbst zurücknehmen lernen mussten. Das Ergebnis jedoch ist so auffällig, dass die Leute beim Einkaufen stehen bleiben und ihnen nachschauen.

Der Anfang

„Ich hab mich eigentlich voll gefreut.“ Ich glaube es ihr sofort. Moni besitzt eine bewundernswerte Leichtigkeit, wenn es darum geht, ursprünglich geschmiedete Pläne aufzugeben. „Ich hatte es halt nicht so geplant, weil es ganz normal ist, sich zuerst einmal um seine Ausbildung zu kümmern, dann zu Arbeiten anzufangen – ein Kind vor 25, das geht sich da automatisch nicht aus. Aber ich hab mir eigentlich immer gewünscht, jung Kinder zu bekommen.“

Vater zu werden bedeutete auch für Dominik eine große Freude. Gleichzeitig ist es einfach eine echte Herausforderung, die eigenen Vorstellungen über den Haufen zu werfen: „Ich dachte davor, ich ziehe jetzt in eine große Stadt, ich wollte in die Weite, mich entfalten, entwickeln. Deswegen war es für mich im ersten Augenblick so, als ob auf einmal alles zugehen würde. Aber wenn man da durchgeht und sagt, ich akzeptiere das jetzt, genau da findet man dann das Leben. Ja zu einem Kind zu sagen, auch wenn es nicht ins Konzept passt, das Leben bejahen, unsere Sprache ist da doch sehr deutlich – das bedeutet zu leben, nichts anderes! Das Leben herzugeben, da ist das Leben drin, da fängt es an!“

Das tägliche Brot

Die vagen Zukunftsvisionen werden beiseite geschoben, um der konkreten Wirklichkeit Platz zu machen. „In dem Moment, wo wir entschieden haben, jetzt gehen wir nicht studieren, jetzt ist die Familie dran, natürlich war das für mich erst nicht so leicht. Zu sagen, okay, beruflich geht es jetzt ums bloße Brotverdienen.“ Vater am Tag, Kellner bei Nacht und zusätzlich dann noch Student an einer Fernuniversität.

„Es hätte nie besser sein können. Durch die Kinder konnte ich in so vielen Bereichen wachsen. Und das Witzige ist, sogar Kellner zu sein hat mich in gewisser Hinsicht vorbereitet auf meinen Traumjob beim Radio, den ich jetzt machen darf.“

Moni hat dem eigentlich nichts hinzuzufügen. Sie gibt der strohblonden Esther das Buch, das sie sucht und meint dann: „Ich denke immer, wenn ich die Kinder nicht so früh bekommen und jetzt zwar voll den Superjob hätte, aber keine Familie, was würde mir der Superjob dann nutzen? Wenn ich eine Familie habe und dann halt irgendeinen Job machen muss, das kann ich verkraften.“ Ihre Karriere als Vollzeit-Mama kann sich sehen lassen, finde ich.

„Es ist sicher nicht für jeden etwas, mit 20 Kinder zu bekommen. Aber ich bin froh, dass es so gegangen ist. Die großen Entscheidungen und Schritte im Leben schon getan zu haben, gibt mir eine Freiheit, das Leben voll zu leben.“

„Das Leben herzugeben, da ist das Leben drin, da fängt es an!“

Idyllisch

„Familie ist ein echtes Traningscamp der Liebe“, sagt Dominik und meint das eher nicht im romantisch verklärten Sinn. „Immer wieder kommt mir vor: Heute hab ich es aber richtig versaut! Jetzt bin ich wieder ungeduldig geworden mit den Kindern! Und gleichzeitig ergeben sich dabei immer viele Möglichkeit zu lieben. Jemand anderen an erste Stelle zu setzen.“

„Man macht als Eltern eigentlich das Halbe falsch“, zieht Moni die sachlich betrachtete Bilanz. Dass sie dabei so gelassen bleiben kann, ist sicherlich ihrer ausgeglichenen Natur Rechnung zu tragen. Da ist aber auch dieses Vertrauen, dass die Zukunft und das Wohl ihrer Kinder nicht allein in ihren Händen liegt.

„Das nimmt einfach viel Druck raus“, erklärt Dominik. „Als Eltern hat man oft den Anspruch, perfekt zu sein: Ich muss es unbedingt richtig machen! Uns hilft es zu wissen, dass im Letzten nicht alles von uns abhängt, dass Gott uns gut führt, das haben wir oft sehr konkret erfahren dürfen. Was nicht bedeutet, dass man sich jetzt zurücklehnen soll, man macht natürlich alles, was man kann. Aber im Endeffekt ist keiner in der Familie perfekt.“ „Eine Spinne, Mama! Eine Spinne ist am Klo!“, aufgeregt platzt der kleine Johannes ins Zimmer.

Gut erzogen

„Am Anfang waren wir schon ein bisschen fanatisch, wenn es um Erziehungsfragen ging.“ Idealistisch, nennt es Moni. Sie lächeln sich über den Tisch hinweg an.

„Wir haben diese ganzen Erziehungsratgeber gelesen und irgendwann ist mir vorgekommen, dass es immer darauf hinausläuft, einem bestimmten Schema zu folgen, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Dass gewisse Erziehungsmaßnahmen immer zum gewünschten Ziel führen. Aber jedes Kind hat einfach schon von Anfang an einen bestimmten Charakter. Und meine Aufgabe ist einfach, es zu lieben. Das hilft ihm glaube ich am besten, wirklich zu werden, wer es ist.“

Bewusst

Die Beziehung, der Umgangston und Zeit. Weil es alle drei Dinge sind, die sie mehr und mehr als essenziell für ihr Familienleben entdecken. „Dass unsere Beziehung gut ist, dass sie an erster Stelle ist“, nennt Moni ohne lang nachzudenken deswegen auf die Frage, was denn notwendig sei für ein gutes Familienleben. „Wir nehmen uns wöchentlich Zeit, um bewusst miteinander zu reden. Gerade wenn es total stressig war, dann ist das immer unser Hafen gewesen. Wenn es uns gut geht, dann geht alles andere auch gut.“

„Wenn mir früher jemand gesagt hat, in der Ehe muss man immer an der Beziehung arbeiten, hab ich mir gedacht: typische Floskel“, weiß Dominik noch. „Aber es macht tatsächlich einen großen Unterschied, wenn man bewusst an guter Kommunikation arbeitet.“ Nicht das Was sondern das Wie. „Die Art, wie man miteinander redet in der Familie, das macht auch so einen Unterschied und ist uns beiden echt wichtig. Und gleichzeitig für mich persönlich zum Beispiel die größte Herausforderung“, gesteht Dominik.

Moni fasst es schließlich zusammen: „Es gibt wichtige und dringende Sachen und gerade, was die Familie betrifft, sind die Sachen ganz oft brutal wichtig, aber nicht dringend, deswegen tut man sie dann nie und sollte sie planen.“

Der andere Budgetplan

„Viel Geld.“ Jetzt wird es praktisch. Sehr direkt definiert Dominik die Bedürfnisse einer Familie. Und auf einmal hält er inne und es wirkt fast so, als überdenke er die gesamte Familienplanung. Ja, man hätte die Kinder in größeren Abständen bekommen können, man hätte sie von jemand anderem betreuen lassen können, um etwa doch noch den Traum vom Superjob zu verwirklichen (oder sich so zumindest den Traumkinderwagen leisten zu können). Nein, so hatten Moni und Dominik nie gerechnet. Eine eigenständige Familie zu werden und sich in einer hingebungsvollen Konsequenz auf das zu konzentrieren, was da vielleicht so unerwartet begonnen hatte, so der neue Plan. Dominik schließt seine Überlegungen mit einer simplen Formel: „Kinder zu haben, das bedeutet reich zu sein. Auch wenn du kein Geld auf dem Konto hast, sch… pfeif drauf!“
Und schließlich – es ist Dominiks 21. Geburtstag, an dem er das wohl einzigartigste Geschenk seines Lebens bekommt. Genau an seinem Geburtstag wird Monis und Dominiks erste Tochter Maria geboren.

 ANNA PLATTER

 

 

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„Man macht als Eltern eigentlich das Halbe falsch“

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