Melchior Magazin | Handbuch einer guten Entscheidung
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Handbuch einer guten Entscheidung

Wie geht „klug“ entscheiden praktisch? Die Klugheit ist eine Tugend der praktischen Vernunft und bildet sich durch regelmäßiges Training. Kluge Entscheidungen zu treffen lernt man daher nicht, indem man Bücher oder Artikel darüber liest, sondern im Tun. Zehn Tipps als Orientierungshilfe für die Praxis.

1. Sei OBJEKTIV

Berücksichtigt die in Frage kommende Entscheidung objektive Werte? Unternehmer Uwe ist bereit, ein Zentrum für ehemalige Drogenabhängige zu finanzieren, allerdings unter einer Bedingung, die einem Steuerbetrug gleichkommt. Keine gute Idee. Das ist sowieso klar? Ja sicher, eigentlich schon, aber wenn noch andere Werte (z.B. Hilfe für Drogenabhängige) oder Emotionen (ich will diesen Job, der aber nur dann zu haben ist, wenn ich zum Mobbing bereit bin) ins Spiel kommen, vernebelt sich zunehmend der objektive Wert.

2. ERINNERE dich

Fragen wie: „Wie habe ich früher in ähnlichen Situationen gehandelt, was habe ich daraus gelernt?“ können sehr hilfreich sein. Wer keine Fehler macht, ist tot, wenigstens geistig tot. Von Fehlern zu lernen, ist ein Zeichen von Klugheit. „Wenn du immer wieder das Gleiche tust, wirst du auch immer wieder dieselben Resultate ernten.“

3. Sei LERNBEREIT

Meine eigene Entscheidung ist nur meine Sache, da soll mir niemand reinreden. Stimmt. Aber sich nur auf die eigene Weisheit zu verlassen und den Erfahrungsschatz anderer nicht zu nutzen – vor allem von Menschen, die offensichtlich immer wieder kluge und weise Entscheidungen treffen – tja, das ist einfach nur Dummheit. Zuweilen kann schon einfach die Frage weiterhelfen: „Was würde ein weiser Mensch in dieser Situation tun?“

4. Sei BEWEGLICH

Zu lange Überlegungen werden zu verpassten Gelegenheiten. Oft genug führt es auch dazu, dass man keine Entscheidung trifft. Man wird zunehmend ein Spielball von Umständen. Man wird gelebt statt zu leben. Diesen Aspekt der Klugheit kann man üben, indem man sich bei weniger wichtigen Entscheidungen nur kurzes Nachdenken erlaubt. Die Treue in der Tugend im Kleinen führt zur Ausbildung dieser Tugend im Größeren. Der Feind der Beweglichkeit ist der Perfektionismus: die Angst, man könnte einen Fehler machen, seinen eigenen Erwartungen oder denen der anderen nicht gerecht werden.

5. Nutze deinen VERSTAND

Welche Prinzipien kommen hier zum Tragen? Was sind meine Motive? Was sind die Auswirkungen dieser Handlung? Was sind die Umstände? Gibt es etwas, das ich bis jetzt nicht in Betracht gezogen habe? Wenn ich später auf mein Leben zurückschauen würde, was hätte ich in dieser Situation gerne getan? Welche Priorität hat das jetzt wirklich?

6. Suche das innere WACHSTUM

Hilft mir diese Entscheidung zu wachsen? Größe beginnt außerhalb der eigenen Komfortzone. Der Mensch findet nur dann zu sich selbst, wenn er über sich selbst hinaussteigt. Er wächst innerlich umso mehr, je weniger er an sich selbst festhält, je mehr er sich selbst verschenkt. Seine große Versuchung ist es, sein Blickfeld und seinen Lebenshorizont auf immer kleiner werdende Interessensbereiche zu reduzieren.

7. Sei NICHT SELBSTBEZOGEN

Wo die Bedürfnisse der Welt und unsere Talente sich kreuzen, dort liegt unsere Berufung. Früher oder später kommt es unweigerlich zum Konflikt zwischen den persönlichen Interessen und dem Wohl der Gruppe oder des Partners oder Freundes. Und dann muss man wählen: Will ich das Leben nur für mich selbst leben? Aspekte wie die eigenen Talente sollen bei Entscheidungen z.B. bezüglich Beruf oder Berufung eine Rolle spielen, aber es wäre ein Desaster, wenn man bei dieser Wahl ausschließlich darüber nachdenkt, wie man sich darin selbst verwirklichen kann, wenn Fragen wie: „Was brauchst du? Was braucht die Welt?“ nicht vorkommen würden. Eine zu starke Betonung der eigenen Fähigkeiten und der eigenen Talente in der Entscheidungsfindung können sogar ein gewaltiges Hindernis für eine kluge Entscheidung sein.

8. Nimm deinen INNEREN ZUSTAND wahr

In einem Zustand der Trostlosigkeit sollte man keine wichtigen Entscheidungen treffen. Jeder Bergwanderer weiß, dass man nicht im dichten Nebel den Weg verlässt. In Zeiten von Entmutigung und Traurigkeit, Unklarheit und Verwirrung ist es klug, erst einmal bei der Entscheidung zu bleiben, die man vor dieser Verwirrung getroffen hat. Ja, man kann und soll versuchen, Klarheit zu gewinnen, aber manchmal geht das nicht. Da sollte man abwarten. Es gibt allerdings einen Vorbehalt, denn zuweilen hindern uns auch Angst, Mangel an Mut oder Liebe, den Schritt zu tun, obwohl man genau weiß, was richtig wäre. Das wird als innerer Konflikt empfunden. Hier braucht es den Mut!

9. Sei FREI

Freiheit heißt, über sich selbst verfügen zu können und nicht fremdbestimmt zu sein. Frei ist der, der nicht von seinen Trieben kontrolliert wird und auch nicht Spielball der Erwartungen anderer ist. Gefühle, Emotionen sind genial, aber sie widerfahren dem Menschen und sind nicht Resultat einer freien Entscheidung. Eine Entscheidung, die nur auf Emotionen basiert, ist nicht frei. Juckreizen nachzugeben, ist keine große Kunst. Das kann natürlich gut ausgehen, aber auch sehr schlecht. Eine reife Persönlichkeit macht vollen Gebrauch vom Geschenk der Freiheit.

10. Schau auf deine SEHNSUCHT

Kommt diese Entscheidung wirklich aus dem Innersten meines Selbst? Ist es das, was ich wirklich will, entspricht es meiner tiefsten Sehnsucht? Die tiefsten Sehnsüchte sind genau richtig – nur zuweilen sind sie etwas überladen mit Erwartungshaltungen, Egoismus, kleinen und größeren Süchten usw. Aber gute Entscheidungen werden dort getroffen, wo man diese Sehnsüchte ausgräbt und ihnen Raum schenkt.

BONUSTIPP

Aus christlicher Sicht gäbe es noch einen 11. Punkt. Der befindet sich allerdings auf einer anderen Ebene, denn er durchdringt die anderen zehn, schwingt sozusagen im Hintergrund mit: Triff die Entscheidung vor Gott, bitte ihn um sein Licht. Ob man das tut oder nicht, hängt natürlich vom eigenen Gottesbild ab. Wenn Gott mich aus reiner Liebe geschaffen und einen genialen Plan für mich hat, dann tut es gut, ihn um die Gebrauchsanweisung zum eigenen Glück zu bitten sowie um den Mut, sie zu befolgen.

PATER GEORGE ELSBETT, begleitet seit vielen Jahren zahlreiche Menschen in Entscheidungsfragen und greift auf dem reichhaltigen Erfahrungsschatz aus Philosophie und Theologie zurück.
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