Melchior Magazin | Ein Name für dich
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Ein Name für dich

Manchmal hört ein Menschenleben so leise wieder auf, wie es begonnen hat. Ganz im Verborgenen, aber überraschend häufig: Jede vierte Schwangerschaft endet in einer Fehlgeburt. Sich von seinem Kind verabschieden zu müssen, bevor man die Chance hatte, es kennenzulernen, ist schmerzhaft und einsam. Valerie und David waren gleich mehrmals davon betroffen. Und erzählen, wie der Verlust ihrer Kinder ihren Blick auf das Leben geprägt hat. 

Das Portrait ist im Oktober 2018 in der Ausgabe Nr. 9 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

„Wir waren mit der Familie auf Urlaub am See, als ich plötzlich gemerkt habe, dass ich blute. Eigentlich wusste außer uns noch niemand, dass ich schwanger war. Dann ging alles ganz schnell. Der Krankenwagen kam und brachte mich ins nächste Krankenhaus. Sie teilten mir mit, ich hätte mein Baby verloren.“ Schock, Dunkelheit, alles ist sehr still. Und dann fängt man langsam an, zu realisieren, dass sich ein Traum, ein Wunsch, ein Zukunftsplan von einem Moment zum anderen ins Nichts auflösen kann. „Zu dem Zeitpunkt war es mir gar nicht bewusst, dass man ein Baby überhaupt verlieren kann. Auf den Schock des positiven Schwangerschaftstests, mit dem ich damals überhaupt nicht gerechnet hatte, folgte volle Freude über das neue Leben in mir, das mir sogleich wieder entrissen wurde, ganz ohne mein Zutun. Das war echt herausfordernd.“

JUGENDLIEBE

Ein schwüler Sommertag geht gerade zu Ende, als wir es uns auf der schwarzen Ledercouch im Wohnzimmer gemütlich machen. Draußen wird es langsam dunkel und die Abendlichter der Stadt beginnen, eines nach dem anderen, aufzuleuchten. Valerie stellt eine Etagere mit sauren Apfelringen und Erdnuss-Pralinen auf den Tisch, wissend um meine Schwäche für Letztere. Zögernd greife ich dann doch zu, und während ich die von der Hitze erweichte Praline langsam aus ihrer Verpackung schäle, fängt Valerie an zu erzählen.

Ihre und Davids Geschichte geht mittlerweile 21 Jahre zurück, wobei ihre Bekanntschaft zu Beginn etwas einseitig war, erzählt Valerie. „Zum ersten Mal hab ich den David in einem Jugendmagazin gesehen, in dem er als Musikredakteur zu sehen war. Ich war damals erst vierzehn. Und schon war’s um mich geschehen. Er war ja immer mein Traummann. Und ist mein Traummann!“, ergänzt sie schnell. Auch Freunde des Paares erinnern sich heute noch belustigt an Valeries intensives Schwärmen zurück. Damals hätte allerdings niemand nur annähernd damit gerechnet, dass sie wirklich eine gemeinsame Zukunft haben würden.

Bei einem Jugendtreffen in Niederösterreich trafen sie sich dann zum ersten Mal. Jetzt übernimmt David die Geschichte. „Es hat sich herumgesprochen, dass Vierlinge aus Wien kommen. Das war die Story schlechthin und alle wollten sie kennenlernen. Da haben wir zum ersten Mal geredet.“ Wobei vorerst mal alles bei einer platonischen Freundschaft blieb, zumindest von Davids Seite her. „Ich hatte damals so kurze, abstehende Haare, also ich glaub, er wusste gar nicht so genau, ob ich ein Bub oder ein Mädchen war“, schlägt Valerie als mögliche Erklärung vor und kann sich ein Lachen dabei nicht verkneifen.

Dann ging sie für ein Jahr nach England. An das darauffolgende Wiedersehen erinnert sich David ganz genau und bringt den Vergleich mit der Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt hatte. „Ich hab sie gesehn und dachte mir nur „wow“. Ab diesem Moment wurde sie immer interessanter.“ Eine gemeinsame Vorlesung und sonntägliche „Ultimate Frisbee“-Sessions brachten sie langsam näher zusammen. Bis sie irgendwann wussten, dass das auch so bleiben soll, für immer. 

ZUSAMMEN DURCH DICK UND DÜNN

Drei Monate nach der ersten Fehlgeburt hielt Valerie wieder einen positiven Test in Händen. Sie muss gerade in der zehnten Woche gewesen sein, als Davids Handy klingelte. Es war Valerie, die ihm schluchzend erzählte, dass sie wieder blutete. „Ich sprintete so schnell wie möglich zu ihr und dachte einfach nur, nicht schon wieder.“ Der Arzt machte einen spontanen Ultraschall und meinte, der Mensch sei schon ein zähes Wesen. „Da wussten wir, es ist alles in Ordnung! Kurz danach haben wir den Herzschlag gesehen und sind uns um den Hals gefallen.“

Das kleine Pünktchen, das sie damals pochen sahen, ist heute zehn Jahre alt und heißt Jonathan. Was so viel heißt wie Geschenk Gottes. „Wir hab verstanden, wie sehr ein Menschenleben ein Geschenk ist und nicht etwas, das ich planen und beeinflussen kann“, bemerkt David nachdenklich. Die beiden wünschten sich eigentlich eine große Familie, weswegen sie bald nach Jonathans Geburt wieder ein Kind erwarteten. Die Dramatik der Frühschwangerschaft wiederholte sich, diesmal aber ohne Happyend. Zwei Fehlgeburten hintereinander brachten Verwirrung, Trauer, Wut. Und vor allem eine tiefe Enttäuschung, die sich – zumindest zeitweise – wie eine dunkle Wolke über die Hoffnung legte. Momente, an die sich Valerie immer erinnern wird. „Es war mir wichtig, dass ich ganz viel um diese Kinder trauern darf. Am Anfang lief ich in die nächstgelegene Kapelle und heulte einfach alles raus. Das war in dem Moment meine einzige Aufgabe. Es nicht hinunterzuschlucken. Und dann hab ich über alles mit dem David geredet, immer wieder. Das kam in jedem Zyklus aufs Neue hoch. Er hat mir einfach zugehört, aber so konnte ich es mit der Zeit verarbeiten. Mit anderen zu reden, die das Gleiche durchgemacht haben, hat auch wahnsinnig geholfen. Nicht alleine zu sein in diesem Kampf.“ 

WARUM?

Wenn ein Vater sein Neugeborenes in Händen hält, ist es eine andere Erfahrung als die der Frau, die das Kind neun Monate in ihrem eigenen Körper getragen hat. Es ist etwas, das die eigene Vorstellung übersteigt, wie so ein Menschenleben entstehen konnte, ganz im Verborgenen – ein Teil seines Selbst, aber außerhalb des eigenen Körpers entstanden. So erlebe der Vater auch eine Fehlgeburt anders. „Ich bin überzeugt davon, dass wir trotzdem eine sehr wichtige Rolle dabei spielen. Ich muss als Mann voll dabei sein. Ich kann mich nicht aus der Affäre ziehen und sagen, es ist alles gar nicht so schlimm, wir machen einfach ein neues. Das ändert nämlich nichts daran, dass gerade ein Mensch von uns gegangen ist, auf den wir uns so sehr gefreut haben. Das ist nicht etwas, was zur Routine wird, auch wenn es immer wieder passiert. Weil es jedes Mal ein neues Kind ist. Wenn ein Mensch geht, dann schmerzt es. Auch weil du siehst, wie sehr es deinen Partner verletzt.“ Eine wichtige Rolle, die David zuteilwurde, war außerdem die Namensgebung. „Ich hab jedes Mal gespürt, welchen Namen dieses Kind tragen soll. Es war so wichtig für mich als Vater, mit dem Namen die Existenz des Kindes zu bestätigen.“ Ich frage, ob er mir die Namen nennen möchte, aber David zögert. Wir sprechen wieder über etwas anderes. Darüber, dass es schwierig sei, zu verstehen, warum manche Menschen keine Kinder haben wollen und sie trotzdem bekommen. Warum manche Menschen Kinder bekommen und sie dann misshandeln. Und warum sie manchmal jemandem, der sehnsüchtigst darauf wartet, verwehrt bleiben. Oder eben gegeben und wieder weggenommen werden. „Und gleichzeitig hattest du so ein Vertrauen“, wirft Valerie ein. „Dass alles gut werden wird. Das hatte ich nicht immer.“

„Mit anderen zu reden, die das Gleiche durch- gemacht haben, hat auch wahnsinnig geholfen. Nicht alleine zu sein in diesem Kampf.“

FAMILIEN-PLANUNG

Die Luft im Wohnzimmer wird schwerer. Die Erinnerungen an das Kind, das man nie kennenlernen durfte, sind immer nur einen schmerzlichen Gedanken weit entfernt. Bis heute mussten Valerie und David fünf ihrer Kinder vorzeitig gehen lassen. Eines davon aufgrund einer Eileiterschwangerschaft, woraufhin der betroffene Eileiter entfernt werden musste. Für das Ehepaar war es nach wiederholten Fehlgeburten klar, die Medizin zu Rate zu ziehen, woraufhin ein Arzt behauptete, dass sie genetisch nicht zusammenpassen würden, sie sollten überhaupt aufhören, weiter zu probieren. „Ich hatte immer diesen Gedanken, dass es bei mir einfach nicht funktioniert“, fährt Valerie fort. „Dass ich unfähig bin, etwas mit mir falsch ist. Ich hatte mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Deswegen wollte ich natürlich alles daransetzen, den „Fehler“ zu finden, um ihn folglich reparieren zu können.“ 

Weitere Untersuchungen brachten außer einer leichten hormonellen Dysbalance keine Ergebnisse. Nach der Eileiterschwangerschaft brach eine lange Zeit des Wartens auf eine weitere Schwangerschaft an. „Irgendwann merkten wir“, sagt David, „dass wir alles nur mehr kontrollieren wollten. Wir wollten es erzwingen. Dann kam der Punkt, wo wir wussten, dass wir loslassen müssen. Wir haben alles hergegeben, was wir an Kinderkleidung und Zubehör besaßen -sogar unsere zwei Kinderwägen- und uns gedacht: Wenn wir doch noch ein Kind bekommen, dann wird uns ja vielleicht auch ein Kinderwagen geschenkt. Kurze Zeit später wurden wir mit unserem Simeon schwanger. Und der Wagen wurde uns auch dazu gegeben! Simeon heißt ‘Gott lächelt…’.“

Er ist nach Jonathan und Nathanael das dritte Kind, das Valerie und David hier auf Erden haben, und torkelt mittlerweile mit seinen 13 Monaten freudig durch die Welt. Er war nicht geplant. Weil man ein Menschenleben nicht planen kann. „Wenn ich mit Paaren rede und sie erzählen mir, dass sie in genau einem Jahr ihr erstes Kind haben werden und das nächste zwei Jahre später, weil das der perfekte Abstand ist, dann gibt mir das jedes Mal einen Stich im Herzen. Und ich glaub, dass jeder irgendwo erlebt, dass die Wunschvorstellung vom eigenen Leben nicht ganz aufgeht. Je früher man lernt, in diesen Dingen loszulassen, desto freier kann man, denke ich, sein Leben leben.“ 

VERTRAUENSAKT

Loslassen musste Valerie vor allem auch in ihren drei intakten Schwangerschaften. Wenn sie die zwei zarten Linien auf dem Test sah, überwog immer erst die Freude. Da sie aber auch in diesen Schwangerschaften Blutungen in der Frühschwangerschaft hatte, war es äußerst schwierig, sich nicht wahnsinnig zu machen, meint sie. „Ich wollte am liebsten jeden zweiten Tag ins Krankenhaus fahren. Bei jeder Kleinigkeit. Ich glaub ich war in der elften Woche mit dem Simeon schwanger, als ich gesagt hab, ich kann so nicht weitermachen. Es hat eine Entscheidung des Vertrauens gebraucht. Dort, wo ursprünglich eigentlich kein Vertrauen da war, musste ich es hineinlegen, sozusagen. Das war echt ein Wandel in mir. Es gab danach auch noch immer Situationen, in denen ich am liebsten wieder ins Krankenhaus gefahren wäre, aber es war anders. Ich konnte ausharren.“

Ob sie jemals darüber nachgedacht haben, aufzugeben, frage ich sie. „Nicht um unseretwillen. Ich habe schon immer wieder mit diesem Gedanken gespielt, aber nur, weil wir Angst hatten, was die anderen über uns denken. Kommentare wie, „Naja, vielleicht solltet ihr schauen, dass ihr jetzt nicht mehr schwanger werdet“, gab es immer wieder. „Gerade anderen Familienmitgliedern fällt es natürlich auch schwer, uns beim Leiden zuzusehen,“ erzählt David. Seine Frau ergänzt: „Aber es war nie so, dass wir gedacht haben, jetzt geben wir auf.“ 

Wahrscheinlich genau aus diesem Grund sind die beiden mittlerweile zum Ansprechpaar für viele ähnlich betroffene Familien geworden. Eine Kultur des Redens und Zuhörens über ein Thema, das noch immer so viel verschwiegen wird. Das ist ihnen wichtig. Unser Gespräch wird von einem fliegenden, laut brummenden Käfer unterbrochen, der es sich in Valeries Haaren zu deren Entsetzen bequem macht und eine heroische Rettungsaktion des Ehemanns erfordert. David entsorgt das Tier stolz am Balkon und lässt sich wieder ins Fauteuil fallen. „Wenn man sich öffnet und seine Geschichte erzählt, hört man von so vielen, dass es ihnen genauso geht. Aber jeder kämpft alleine. Wir wollen  anderen zeigen, dass wir voller Hoffnung für sie sind und glauben, dass Gott für jeden einen guten Plan hat. Dass wir mit ihnen leiden und eine Ahnung davon haben, wie es ihnen geht. Und dass auch aus diesem Leid und dem Warten etwas entspringen kann. Zum Beispiel ein Auftrag oder ein anderer Blickwinkel auf das Leben.”

Es ist spät geworden. Die glühenden Lichter der Stadt beginnen, eines nach dem anderen, wieder zu erlöschen. Was bleibt, ist die Hoffnung, die den beiden aus den Augen leuchtet.  „Im Englischen gibt es das Sprichwort: Against all odds there is hope“, zitiert Valerie. Ihre Geschichte bezeugt es. David holt sein Handy aus der Tasche und fragt: „Bist du bereit?“ Ich nicke. „Sebastian Friedrich. Carolina Sophie. Dominic Clemens. Florian Stefan. Kerstin Denise.“

 JULIA SPIEKERMANN, 27, lebt mit Mann und Tochter am Rande Wiens und liebt neben amerikanischen Erdnusspralinen alles, was mintgrün ist.

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 80 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.

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„Ich glaub, dass jeder irgendwo erlebt, dass die Wunsch-
vorstellung
vom eigenen Leben nicht ganz aufgeht.“