Melchior Magazin | Die Oberammergauer Stadtmusikanten
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Die Oberammergauer Stadtmusikanten

Mathias am Tenorhorn, Michael an der Gitarre und dem Flügelhorn, 
Maxi am Akkordeon und Martin an der Helikontuba. Der Kofel ist der 
Hausberg von Oberammergau. Das ist Kofelgschroa.

Wien im Herbst

Chelsea, hinten rechts. Den Anfang des Konzerts versäume ich fast, weil er so unspektakulär ist. Nur das Publikum wird nervös, während sich die vier langsam auf der Bühne einrichten, die Tuba über den Kopf ziehen, das Akkordeon anschnallen. „Ähm, Grüßgott!“, begeisterter Jubel grüßt zurück. „Es tröpfelt leise dein Gesicht, es spiegelt sich im Fensterlicht, es tröpfelt leise dein Gesicht, es spiegelt sich im Fensterlicht, es tröpfelt leise dein Gesicht…“ Niemand tanzt (angedeutetes Wippen). Um mich herum aufmerksames Zuhören, erwartungsvolles Zuschauen. Die Blätter, die immer wieder nachwachsen, das Wasser im Bach fließt bergab. „Zugabe! Zugabe!“, ganz tief vor uns verbeugt, kommen sie wieder zurück auf die Bühne und singen uns noch ein Lied. „Das Lied hat eigentlich so gut wie keinen Tiefgang und die Leute haben uns gesagt, das könnts ihr nicht machen.“ Ein Ode an den Anorak.

Bayern im Winter

Oberammergau ist schön, es gefällt mir hier. Die Häuser, die Straßen und die Leute sicher auch. Und da ist es, Ammergauer Haus in Großbuchstaben, darunter „Kofelgschroa Sa, 20 Uhr“. Es ist 11 Uhr und ich komme zum Soundcheck. Alle zwei Jahre organisieren sie hier selbst ein Konzert, ein Heimspiel also. Aber noch nie in diesem Haus, großer Saal, Sesselreihen, ein Kleinstadttheater. Es ist ausverkauft. „Ich bin schon nervöser als sonst“, Michi schneidet kleine Stücke vom Käse ab, dann kommt der Kinderchor, mit dem sie heute Abend zwei Lieder gemeinsam singen. In dem Chor waren sie damals selbst auch schon.

Vorstellrunde

Kofelgschroa, das sind vier Männer in Stiefeln. Oder sowas müsste jetzt hier stehen. „Wir sind im Nebenberuf Hoteliers“ als Eigendefinition. Sie nehmen alle einen Kaffee und ich auch. „Der Maxi hat einmal eine Berufsfachschule für Musik besucht, aber wir haben halt einen ganz normalen Musikunterricht als Kinder gehabt, nicht übermäßig.“

Martin brummt liebenswürdig den Bass dazu: „Sind nicht studiert oder so.“ „Professionelle Musiker haben einen viel höheren Anspruch, an die Virtuosität, einen technischen Anspruch, da sind wir mehr Gschlampate“, meint Maxi.

„So gesehen sind wir eher Dilettanten.“ Wobei das Wort im Wortursprung gar nicht negativ gemeint sei, erklärt Matthias. Hauptberufliche Dilettanten, im Nebenberuf Hoteliers also. „Kommt drauf an, wie man hauptberuflich meint“, so der erneute Einwand. „Jetzt sag mas amal so – wir sind alle frei… freiberuflich“, danke, Maxi.

„Du warst im Chelsea, oder?“ Ich bin total perplex, ja, da war ich, aber ich bin doch dort hinten rechts gestanden, bin klein und auch sonst nicht besonders laut oder auffällig. Außerdem dachte ich immer, das Publikum beobachtet die, die dort oben stehen, und die sehen uns dort unten nicht. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich das jetzt nicht beeindruckt. Liebes Kofelgschroa Publikum, ihr habt vor euch tatsächlich eine sehr aufmerksame Band, der auch nicht die kleinen Brillenträgerinnen entgehen.

„Wir sind keine Instrumentalisten, keine Musiker, die ihr Instrument beherrschen, gar nicht. Uns geht es eher um die Unterhaltung.“

 Kofelgschroa

Musik zum Zuhören

„Wir sind keine Instrumentalisten, keine Musiker, die ihr Instrument beherrschen, gar nicht. Uns geht es eher um die Unterhaltung. Die Unterhaltung im konzertanten Sinn, sagen wir mal so“, sagt Maxi mal so.

Das Ziel wäre nicht, durch musikalisches Können zu glänzen, es gehe mehr um den Inhalt und das Arrangement eines Stücks. „Am Ende soll ein Lied eine schöne Form haben. Und da ist nicht so wichtig, ob ein Instrument gut gespielt ist, sondern eher die Frage, welches Instrument zum Beispiel in einen bestimmten Part gut hineinpasst.“ Denn Musik drückt etwas aus. Mathias drückt es daher so aus: „Man könnte sagen, wir sind musikalische Expressionisten.“ Maxi verzieht das Gesicht: „Ja, wir sehen das immer aus dieser künstlerischen Perspektive, aber das hört sich oft auch so hochgestochen an. Musik bedeutet Ausdruck von einem Lebensgefühl, von einem Mitteilungsbedürfnis. Politisch sind wir ja wenig, aber uns ist was auf der Zunge und das machen wir.“

Vier Männer in Wolljacken, die kunstvoll beiläufige Texte singen und kleine Geschichten erzählen, die im Ohr widerhallen. „Wenn eine Idee entsteht, wenn sie noch ganz jung ist, dann erzählt man sich das oft erst mal so selbst. Da können wir schon einmal zu viert zwei Stunden spielen, ohne dass jemand zuhört. Aber irgendwann wird das dann auch fad.“

Mathias sucht und findet ein gutes Beispiel: „Bevor wir die letzte CD aufgenommen haben, waren wir eine Woche in Niederbayern auf einem einsamen Hof und haben da geübt und arrangiert. Aber am letzten Abend hatten wir dann in der nächsten Stadt was ausgemacht, weil wir die Sachen einfach mal live spielen wollten. Da hat man gemerkt, wie man sich darauf freut, wieder vor Leuten zu spielen. Uns geht es schon auch darum, etwas mitzuteilen.“ „Freude zu machen“, nickt Maxi.

Welcome to the show

„Aber wir spielen jetzt nicht Konzerte, weil wir den Leuten etwas vorführen wollen, sondern weil es uns selber auch einfach erfüllt“, betont Martin. Mathias findet sogar: „Irgendwie pflegen wir zur Bühne selber ja so eine Hassliebe. Zum Auftreten. Einerseits will man es, andererseits hat man aber Angst davor. Da betritt man immer dieses Spannungsfeld.“

Denn die Bühne ihrerseits will ja etwas bieten und bietet der voll ausgeleuchteten Person dabei kaum Schutz. „Wenn man eine Kunstfigur wäre, das wäre schon angenehm. Das ist wie ein Vorhang, da gibt man nichts Persönliches preis, man versteckt sich hinter der Figur“, meint Michi deswegen. Um dann schulterzuckend fortzufahren: „Das sind wir halt nicht, das haben wir uns so eingebrockt.“

Martin will noch eine Apfelschorle und bemerkt dann: „Das passiert so, weil wir einfach so sind, wie wir sind. Wir können uns da nicht hinstellen im feinen Anzug, eine Choreographie einstudieren. Wir machen das so, wie es uns von der Seele kommt.“

Maxi ergreift das Wort: „Du warst ja in Wien, als wir die Böller angezündet haben.“ Die drei Miniaturfeuerwerke auf der Orgel, das erste ist beim Anzünden umgefallen. Jetzt erfahre ich, dass ich einer Böllerpremiere beiwohnen durfte, einer Uraufführung. Seitdem ist die Band stolze Besitzerin einer Nebelmaschine. Weil die Böller so gestunken haben. Diese kommt pro Auftritt nun einmal zum Einsatz – bei einem Lied, an einer Stelle. „Wir finden immer mehr Spaß daran, ein paar Showelemente einzubauen. Mit einem Augenzwinkern halt. Früher war das ein No-Go. Was zu machen, was künstlich wäre. Die Musik, das muss authentisch sein. Und das ist immer noch so, wir können gar nicht anders.“ Eine Show, sie wollten auf keinen Fall eine Show machen.

Von neuen Klängen und alten Wörtern

„Uns gibt`s ja jetzt schon eine Weile, und viele Leute wissen schon, was kommt, wenn sie zu einem Konzert von uns kommen. Die ersten Jahre war das nicht so klar“, erinnert sich Mathias, und Martin fährt fort: „Ja klar, ein Foto in der Zeitung, mit den Instrumenten, der Name… Da haben sich manche Leute gedacht: Ah super, boarische Musi! Da sind anfänglich auch Leute in Tracht zu unseren Konzerten gekommen. Und waren dann total enttäuscht: Was machen denn die da?“

Die instrumentale Grundausstattung von Kofelgschroa macht vielleicht den Eindruck einer traditionellen Musikkapelle. „Wir sind beschränkt, weil wir nix anderes können“, wirft Michi ein. „Aber in der Musik selbst, wie wir sie jetzt machen, findet man nicht mehr viel Traditionelles. Nicht, weil wir von dem nix halten, im Gegenteil, da kommen wir ja her! Aber musikalisch interessiert uns diese Richtung jetzt nicht so.“

Seit einem halben Jahr gibt es nun eine Orgel, wodurch sich wieder neue Klänge und Möglichkeiten ergeben würden. „Das ist ein ständiger Prozess. Und es ist auch gut, wenn sich was ändert. Vielleicht gehen wir in fünf Jahren ja wieder in Lederhosen auf die Bühne.“

Viele ihrer Texte seien im Dialekt – Maxi unterbricht die Frage mit einem nachdrücklichen: „Nicht nur!“ Dann folgt die Ausführung: „Es ist nie ein richtiges Deutsch, ist es nicht. Es ist immer eine Färbung. Umgangssprachlich. Es gibt halt Zeilen, wo man wirklich mag, dass die verstanden werden und es gibt Sachen, wie zum Beispiel „Baaz“, unser neues Album, da ist uns doch die Aussage total wurst, es geht nur um den Klang, den Wortklang. Wir können wählen zwischen einem versuchten Deutsch und einem Dialekt. Viel mehr wählen kann ich nicht.“

Mathias schlägt vor: „Versuchtes Englisch gäbe es noch.“ Martin meint dann: „Ich glaub, dass Dialekt mit viel weniger Worten funktioniert, etwas zu beschreiben. Wo man sonst einen langen Satz bauen müsste, weißt du halt irgendwie mit einem Gsatzl, worum es geht.“

Freunde

Michi deutet auf Maxi und Martin: „Wart ihr nicht schon zusammen im Kindergarten?“ Maxi: „Aber da mochte ich ihn nicht.“ Ein paar Minuten später auf einmal unvermittelt zu Martin: „Du hast mi ned megn, i hob di schon megn.“ Dieser entgegnet lachend: „I hob imma docht, du mogst mi ned! Des denk i mir heit no, so wiasd mi imma oschaust.“ Und dann an mich gerichtet: „Wir haltens ganz gut miteinander aus. In der Firma kann man sich seine Kollegen auch nicht aussuchen. Wenn man irgendwo am Fließband arbeitet, da sitzt du halt dann neben jemandem, das ist dann schon zach. Wir sitzen halt im Auto.“ Maxi: „Alles vertraglich geregelt.“ Beschwichtigendes Kopfschütteln und Michi: „Na jetzt im Ernst, wir vertragen uns zum Glück gut, unterwegs und grundsätzlich.“ Maxi klingt fast vorwurfsvoll: „Freundschaft… das sind so große Themen. Wenn es funktioniert, ist es öfter ganz schön darüber zu reden, aber wie man oft in der Welt sieht, ist es manchmal doch schwierig. Bei uns ned, noch ned, hoffentlich nia.“

Ein prunkvolles neues Jahr

Nun fehlt nur noch die Jobbeschreibung des sagenumwobenen Nebenberufs. Hotel Kovél. Bei dem besagten Objekt handelt es sich um ein bis dahin leer stehendes altes Gebäude in Oberammergau, dessen sich die vier Musikanten hingebungsvoll angenommen haben.

Michi wird auf einmal sehr enthusiastisch: „Das Hotel ist vielleicht so wie… das ist unsere Kunstfigur!“ „Wo wir in unsere Rollen schlüpfen können“, erklärt Martin. „Weil wir das halt auf der Bühne nicht haben, machen wir das im Hotel. Da ziehen wir uns dann fein an und es gibt dann schon einen Dresscode.“ „5 Sterne und viel Glitzer und Glimmer“, zählt Michi auf. „Das ist schön, weil es so konträr ist zu unseren Typen. Man schlüpft da wirklich in so eine Rolle und zieht sich einen Anzug mit Fliege an. Jeden ersten Mittwoch im Monat haben wir die Hotelbar geöffnet und da ist dann wirklich alles schön hergerichtet, ein roter Teppich, ein alter Leuchter hängt drinnen, es gibt edle Getränke, Champagner, Spritzer.“ Musi-
zieren würden sie dort in erster Linie aber nicht, im Hotel Kovél sind sie die Gastgeber. „Und wir gehen wirklich sehr auf in der Rolle. Mehr Prunk, das war mein Vorsatz für das letzte Jahr und das haben wir ganz gut eingehalten. Schauen wir mal, was das heurige bringt.“

Martin überlegt kurz und sagt dann: „Ich glaube, wenn man es schafft, viel im Moment zu sein, und diesen wahrnimmt, dann hat man ein gutes Leben.“

 ANNA PLATTER, 27, tanzt eigentlich sehr gerne auf Konzerten, hat sich aber in die kofelgschroarische Lyrik verliebt und seit mehreren Monaten einen Ohrwurm von „Die Wäsche trocknet an der Sonne“..

 

Kofelgschroa
„Wir machen das so, wie es uns von der Seele kommt.“

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„Jetzt sag mas amal so – wir sind alle frei… freiberuflich“