Melchior Magazin | „Mutter, ich habe keine Narbe von dir außer den Bauchnabel“
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„Mutter, ich habe keine Narbe von dir außer den Bauchnabel“

Dichten und Übersetzen – Zwei junge Männer auf der Suche nach den richtigen Worten für den Schmerz.

Dieser Artikel ist im Oktober 2018 in der Ausgabe Nr. 9 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Für manche sind Worte Waffen. Für Yamen Hussein sind sie حياة. Es klingt wie „hayat“, wenn er das sagt. „Leben“, übersetzt Peter Tarras, für Yamen sind Worte Leben. Yamen schreibt Gedichte, seit er aus Syrien geflohen ist – aus Homs. Der Stadt, die einst die Hochburg der Rebellen war und heute, nachdem die Bomben von Syriens Machthaber Assad ihr den Garaus gemacht haben, aussieht wie die Gerippe eines Elefantenfriedhofs. „Ich war TV-Reporter“, erzählt der 34-Jährige. „Aber als ich merkte, dass mein Sender nach Beginn der Revolution 2011 immer mehr Propaganda verbreitete, kündigte ich.“ Diese Entscheidung reichte aus, um die Geheimdienste nervös zu machen: Ein Alawit muss schließlich für Assad sein. Yamen hatte aber mit 22 schon einen ersten ironischen Artikel über die Regierung Syriens geschrieben. Er wurde damals umgehend festgenommen, geschlagen. Die Strafe: Studienverbot. Aber er wehrte sich weiter gegen die Unterdrückung und beteiligte sich aktiv an Protestbewegungen. Nachdem er beim TV-Sender gekündigt hatte, erhielt er Morddrohungen und tauchte in Damaskus unter.

Peter Tarras hat all das nicht erlebt: keinen Krieg, keine Bedrohung. Wie kann der junge Mann mit seinen 30 Jahren gut gepflegter Lebenserfahrung durch Grundschule, Gymnasium, Zeitungsvolontariat und anschließendem Studium für Yamens Gedichte überhaupt die richtigen Worte finden? „Natürlich reicht es nicht aus, die arabischen Worte einfach eins zu eins zu übersetzen“, sagt Peter, selbst wenn man wie er Islamwissenschaften und Philosophie studiert hat. Er müsse den Hintergrund kennenlernen, um nachempfinden, ja nachfühlen zu können, was Yamen mit einem bestimmten Ausdruck meint. „Ich muss mit Yamens Augen schauen lernen und beim Übersetzen so tun als wäre es sein Mund, der spricht.“ Das sei die Herausforderung: sich anzunähern.

Die Herausforderung: sich annähern

Seit sieben Jahren hat Yamen seine Familie nicht mehr gesehen. Seine Mutter weint bei jedem Skype-Gespräch, beklagt, dass sie ihren kleinen Sohn einmal wegen einer schlechten Schulnote geschlagen hat. Yamen tröstet sie. In einem seiner Gedichte schrieb er dann: „Mutter, ich habe keine Narbe von dir außer den Bauchnabel.“ In einem anderen Gedicht schrieb er von einem schönen Lächeln, dem auffallendsten Merkmal seines Freundes, der unter Folter im Gefängnis starb. Wie sonst fasst man solchen Schmerz in Worte? Er seufzt. „Das Leben ist nicht so einfach“, sagt er. „Der Schmerz ist immer stärker als Worte oder die Literatur. Sie kann zwar etwas machen, ablenken, trösten, aber nicht so viel, so echt.“

Zum ersten Mal fühlte sich Yamen in Sicherheit, als er im Dezember 2014 mit einem Stipendium des PEN-Zentrums nach München kam. Ein Jahr vorher war er von Damaskus aus unter Lebensgefahr über das Gebirge in den Libanon geflohen. Weil Syrer im Libanon keine Arbeitserlaubnis mehr erhielten, musste er weiter in die Türkei. Schließlich setzte sich das PEN-Zentrum für seine Ausreise nach Deutschland ein.

„Ich habe nur meine Muttersprache mitgebracht“, sagt Yamen. Bewusst schreibt und liest er seine Texte, obwohl er schon gut deutsch spricht, noch immer auf Arabisch. Er betont: „Ich möchte kein Opfer sein.“ Seine Gedichte sind seine Behauptung gegen das Opfersein – Leben eben. Hayat. „Ich bin ein Mensch“, sagt Yamen, „und jeder Mensch hat seine Not.“ Für den einen ist es der Krieg, für den anderen das Steuersystem oder eine verlorene Liebe. Schmerzen verbinden alle im Menschsein. „Nicht alle sind Flüchtlinge, aber alle sind Kinder von Geflüchteten“, sagt Yamen. Peter nickt. Deshalb sei es ungerechtfertigt, dass geflüchtete Autoren schnell den Stempel „Opferliteratur“ aufgedrückt bekämen, sagt er. „Opferliteratur gibt es nicht.“ Das ist auch der Grund dafür, dass er die richtige Übersetzung für Yamens Worte findet. „Ich eigne mir sein Gedicht in gewisser Weise an, in meiner Sprache“, sagt Peter, „aber stets mit dem Anspruch, den anderen sprechen zu lassen.“

„Das Gedicht wird unser Gedicht“, sagt Yamen. „Sein Anliegen unsere Sache.“ So beklagen am Ende beide den Tod, quasi in Gemeinschaft mit allen Menschen. Doch die Klage entspringt einem umarmenden Gedanken: Ist der Tod doch Teil vom Leben.  

ANNA SOPHIA HOFMEISTER

 

Gedicht von Yamen Hussein in einer Übersetzung von Peter Tarras: jetzt lesen – die Schwalbe (download/pdf)