Melchior Magazin | Als ob es kein Morgen gäbe
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Als ob es kein Morgen gäbe

Jeden Tag so leben, als wäre es der letzte – diese Worte hört man oft und befolgt man selten. Was es bedeutet, sie umzusetzen, das hat Anna Bodewig für Melchior drei Wochen lang getestet.

Dieser Selbstversuch ist im Oktober 2014 in der Ausgabe Nr. 2 erschienen. Melchior erscheint zweimal im Jahr. Bestell dir hier die aktuelle Melchior Ausgabe zum Kennenlernen.

Aaach Mann! Ich mach das morgen – ja, morgen! Ist ja auch noch ein Tag. Triumphierend über meine eigene tolle Erkenntnis wache ich aus meinem komaähnlichen Zustand am Schreibtisch auf und klappe die Ordner zu, die mich nerven. Die unerledigte Post verstecke ich in der Schublade. Tadaa! Kurz gönne ich meinen Augen den Kick vom freien Schreibtisch, der so tut, als hätte ich alles erledigt. Dann wandere ich Richtung Sessel ab. Mein Handy nehme ich mit. Frei! Mal sehen, was ich jetzt mache… ist ja meine Zeit. Es war so einer von diesen Tagen, irgendwann im Spätherbst. Stimmung: Gelangweilt, antriebslos, von mir selbst genervt und irgendwie auch unzufrieden. 

Im Sessel versunken zappte ich durch Youtube, als mich dieses Video von Zach Sobiech fand. Amerikaner, 18 Jahre. Collegestudent. Ansteckendes Lächeln. Krebs. Unheilbar. Was mich packt, ist nicht das Drama vom Tod. Was mich packt, ist die Intensität von Leben. Zach weiss, dass er stirbt und: Legt voll los! Trifft Freunde, fährt seinen Traumwagen, nimmt einen Song auf („Clouds“ – 13 Millionen Klicks auf Youtube). Dieser Typ lebt so richtig! Ich betrachte meine eigene eingeschlafene Sessel–existenz. Und komme mir vor wie auf dem Abstellgleis meines eigenen Lebens. Warum lebe ich nicht? Also so richtig?! 

Die Unzufriedenheit über meine eigene Lahmheit dreht in meinem Kopf Runden, nimmt Fahrt auf und dann fasse ich folgenden Entschluss: Ich werde ein Experiment machen. Ein Experiment über das Leben. Ich will herausfinden, ob ich mehr lebe, wenn es kein ‚Morgen‘ gibt. Ich krame mein Notizbuch hervor und schreibe: 

„Leben, als ob es kein Morgen gäbe“ – Selbstversuch. Zeitrahmen: Drei Wochen Testphase, falls gut: Lebenslänglich. Testobjekt: Ich. Einschränkung: Ich werde weiter zur Arbeit gehen (habe ja auch keine Diagnose, die mein Fehlen entschuldigen könnte… Gott sein Dank!). 

Also. Wenn es kein Morgen gäbe, was würde ich jetzt tun? Fange an, eine To-Do-Liste zu erstellen, mit all den Dingen, die ich mir für irgendein unbestimmtes „Morgen“ aufgehoben hatte. Als die zweite Seite voll ist und mir immer noch Dinge einfallen, die ich aufschreiben könnte, bekomme ich die Krise. Würde am liebsten den Kopf in den Sand stecken – wegen nichtvorhandenem Sandkasten heule ich kurz, entscheide dann aber, dass ich nicht schon jetzt aufgeben werde, putze mir die Nase und reisse die zwei Seiten Utopie aus dem Buch. Muss es irgendwie anders angehen. 

Frage mich: Was ist wichtig? Und komme zu folgender Erkenntnis: Ich müsste heute als die Person gelebt haben, als die ich morgen sterben könnte.

Schreibe den Satz in mein Buch. Während ich ihn unterstreiche, frage ich mich: Wie will ich denn gewesen sein? Wenn ich den Löffel abgebe? Schreibe Folgendes: Ich will heute „richtig“ gelebt haben. Will die Blumen gesehen haben und Freude am Essen gehabt haben. Will den Menschen gezeigt haben, dass ich sie liebe. Will mich nicht über eine längere Zeit geärgert haben, schon gar nicht wegen unwichtiger Dinge. Will meine Arbeit so erledigt und abgeschlossen haben, als ob ich morgen in Ferien gehen würde. Ich will meine Wohnung aufgeräumt haben, damit Freunde mich spontan besuchen können, ohne dass ich mich selbst wegen der Unordnung stresse. Will mit niemandem im Unfrieden sein. Ich will nicht, dass die Angst oder die Bequemlichkeit mich daran gehindert hat, das zu tun, was ich wirklich will.

Reminder an self: Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das Bewusstsein, dass es etwas gibt, das größer ist als unsere Angst.

Ok. Punkt. Ich klicke den Kuli. Wunderbar. Ungefähr 7 Sekunden später wird mein innerer Frieden von der plötzlichen Erkenntnis zerstört: Das Geschriebene setze ich so NIE um! Ich brauche dringend eine alltagstaugliche Übersetzung, wenn ich will, dass meine Vorsätze den Sprung aus meiner Vorstellung in die Realität meines Lebens schaffen sollen. Formuliere drei Punkte und was Grundlegendes zur Arbeitseinstellung:

Ich mache morgens mein Bett. (Wegen der Ordentlichkeit, irgendwo muss man ja anfangen.) 

Ich bin dankbar. Immer. Für alles. 

Ich habe die Menschen gern. (Nicht nur im Gefühl, sondern so, dass sie es merken.) 

Arbeitseinstellung: Ich ersetze: „Mach ich später/morgen“ durch „Mach ich jetzt“, oder: „Kommt in meinen Kalender und wird am TT.MM.JJ erledigt.“ (Finde ich ok, weil ein genaues Datum nicht das unbestimmte, nie eintreffende „Morgen“ ist.) 

Ok. Der Plan ist folgender: In der ersten Woche mache ich Punkt 1, in der zweiten Woche Punkt 1 und 2, in der dritten Woche Punkt 1,2 und 3. Die Arbeitseinstellung gilt ab jetzt. Mal sehen…

Woche Bett. Mein Bett hab ich immer gemacht. Gefällt mir. Braucht wenig Zeit. Fühlt sich an, als hätte ich über 2 m2 Land in meiner Wohnung die Herrschaft zurückerobert. Gutes Gefühl. Effekt: Wäschehaufen neben Bett hat mich genervt. Dienstag: Wäschekorb gekauft. Kam richtig in Schwung und hab gleich alle Wäsche aufgefaltet und Kleiderschrank aussortiert. Kein Problem, wenn es kein Morgen gibt! Mittwoch zudem Hausputz veranstaltet. Verdacht: Ordnung kann Streueffekt haben – genial! Donnerstag: Angefangen Putzplan zu erstellen. Freitag: Putzplan steht und ist eigentlich ein Arbeitsplan. Sehr zufrieden! Samstagvormittag habe ich völlig überfälligen Papierkram erledigt. So ein gutes Gefühl! Besonders, wenn gefühlte drei Tonnen Altpapier klatschend im Kübel landen.

Woche Dankbarkeit. Ich sag‘s gleich wie es ist (also: in meiner Erfahrung): Immer und für alles dankbar zu sein ist eine Riesen- Herausforderung. Besonders Montag morgens. Noch im Bett liegend hab ich einigermassen lange überlegt, wofür ich dankbar bin. An einem Montagmorgen… konnte den Regen draussen hören. Lust aufzustehen und mein Leben in die Hand zu nehmen: Null. Stelle mir dann vor, ich hätte nur noch heute. Hm. Hilft auch nicht wirklich. Oder? Ich weiss, ich habe auch noch morgen, und übermorgen, habe ja keine tödliche Krankheit! Plötzliche Erkenntnis: Das ist es: Ich habe Zeit! Habe das Leben! Dafür bin ich dankbar. Echt. Habe dieses Leben und werde es rocken. Lasse mich von einem Montagmorgen nicht durcheinanderbringen! Stehe auf. Über der grossen Tasse Kaffee fällt mir ein: Wenn ich meine Arbeit (die eigentlich ok ist, nur nicht am Montagmorgen), also wenn ich meine Arbeit nicht hätte, könnte ich mir keine eigene Wohnung leisten, könnte nicht reisen, hätte kein Geld, um in der Pizzeria unten am See essen zu gehen. Wäre auch irgendwie blöd. Bin also wohl auch dankbar für den Job.

Dienstag bis Freitag: Versuche jeden Tag dankbar zu sein. Für meinen Job. Und auch sonst. Habe unterschiedlichen Erfolg… 

Samstag: Das mit der Dankbarkeit ist schräg. Also gut – und schön. Aber schräg. Es ist wie eine Augentherapie. Ich glaube am Anfang muss man sich wirklich sehr anstrengen, um irgendetwas zu finden, wofür man dankbar ist. Und der Zeitrahmen von einer Woche ist wohl „am Anfang“. Werde das mit der Dankbarkeit aber weiter versuchen. Hab das Gefühl, dadurch erst zu sehen, was in meinem Leben alles gut und schön und wunderbar ist.

Sonntag: Bin für gutes Essen dankbar (sonntäglicher ‚Pizzeria-am-See-Besuch‘) und für die Schönheit der Natur (war phantastisches Licht draussen). Beim Fensterputzen gestern dachte ich plötzlich: „Was für ne geile Aussicht!“ Bin dankbar für meine Wohnung. 

Werde Punkt 2 allerdings ein bisschen abändern. Schreibe neben meinen Vorsatz folgende konkretere Version: Ich beginne jeden Tag damit, mir mindestens eine Sache zu überlegen, für die ich dankbar bin.

Woche „Ich hab die Menschen gern“. Also ich hab sie eigentlich eh gern. Die Menschen. Was ich versuchen will: Mein gefühltes Gernhaben den Menschen spürbarer zu zeigen. Eben so, als ob es kein Morgen mehr gäbe.

Montag: Buche einen Flug zu meinen Eltern. Einfach so. Für das übernächste Wochenende. Rufe meinen Papa an. Sage ihm einfach mal, dass ich finde, dass er das mit mir gut hinbekommen hat. Sage ihm, dass ich ihn sehr lieb habe und er der beste Vater der Welt ist. (Werden beide emotional. Bin glücklich.)

Dienstag: Lasse den Typ mit nur drei Dingen an der Supermarktkasse vor. Kaufe 12er Pack Milch für schwangere Nachbarin und trage es ihr in den 4. Stock. 

Mittwoch: Schreibe endlich meiner Grossmutter einen lang ausstehenden Brief. Lächle die Putzfrau im Bahnhofsklo an und bedanke mich bei ihr. (Ihr überraschter Gesichtsausdruck wird zum schönsten Lächeln an diesem Tag.)

Donnerstag: Fahre aufmerksamer Auto als sonst. Lade Freundin zum Abendessen und Filmgucken ein. Koche ihr Lieblingsgericht. 

Freitag: Beantworte eher längere Mail einer alten Bekannten sofort, obwohl ich nur so mittel Lust habe.

Samstag: Nehme Anruf entgegen, obwohl ich lieber meine Ruhe gehabt hätte. Komme dann in Schwung. Rufe meine kleine Schwester an. Einfach so, zum Erzählen. Sie freut sich voll. Ich mich auch.

Sonntag: Gehe eine Freundin von mir im Altersheim besuchen (meine eigenen Grosseltern sind schon tot oder 600km weit weg) und wir erzählen einfach. Ich schaue nicht auf die Uhr. Menschen gern haben kostet. Zeit. Manchmal Nerven. Aber es macht glücklich. Meine Erfahrung.

Nach der Woche konkretisiere ich auch Punkt 3 nochmal – damit das mit dem „lebenslänglich“ eine reelle Chance hat. Schreibe Folgendes: Ich will jeden Tag mindestens einen Menschen bewusst „gern gehabt“ haben.

Erkenntnisse zur Arbeitseinstellung und Fazit nach drei Wochen: Würde sagen, jeden Tag als die Person gelebt zu haben, als die ich morgen sterben könnte, ist anstrengend, aber absolut befriedigend. 

Ich habe das Gefühl, mehr die Person zu sein, die ich sein will und ich habe das Gefühl, intensiver zu leben. Ich mache auf jeden Fall weiter. Auch wenn ich ganz sicher immer wieder den Kampf gegen meine Bequemlichkeit werde kämpfen müssen (Früh ins Bett gehen hilft. Und einen guter, das heisst realistischer, Arbeitsplan auch), also ich werde kämpfen müssen, aber in der Testphase habe ich gesehen, dass dieser Kampf sich lohnt. Warum? Jedes Mal wenn ich ihn gewinne, gewinne ich eine bessere und schönere Version von mir selbst und lebe die jeweils coolere und grössere Version meines Lebens.

ANNA BODEWIG 29, arbeitet in der Schweiz als Lehrerin. Sie hat deutsche Wurzeln mit österreichischer Prägung.

Illustration: Larissa Seilern

Hol dir die ganze Printausgabe! Einfach hier bestellen zu einem Preis, den du selbst festlegst. Melchior erscheint zweimal im Jahr mit gut 80 Seiten „Auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten“.